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GS1 Germany  |  13.03.2014

„Partnerschaften ebnen den Weg in die Zukunft“

Vor 40 Jahren hoben Industrie und Handel ein Unternehmen aus der Taufe, das die Wertschöpfungskette maßgeblich prägen sollte. Drei maßgebliche Entscheider über die spannende Entwicklung und die Zukunft von GS1 Germany.

STANDARDS: Vier Jahrzehnte GS1 Germany – warum ist das für die deutsche Wirtschaft ein Grund zum Feiern?

Reinhold Mesch: Die CCG wurde einst von der Wirtschaft gegründet – und Industrie und Handel sind bis heute die Gesellschafter der GS1 Germany GmbH. Viele engagierte Personen aus der Wirtschaft, die über die Jahrzehnte freiwillig und mit Herzblut an der Entwicklung der Gesellschaft mitgearbeitet haben, können heute stolz auf ihre Leistung sein. Von einer Zeit, als die meisten Rechnungen noch mit der Schreibmaschine geschrieben wurden, über „Ban“ und „EAN“ bis zu den heutigen Kommunikationsstandards: GS1 Germany hat Wirtschaftsgeschichte geschrieben.

„40 Jahre CCG/GS1 Germany, das sind auch 40 Jahre erfolgreiche Tätigkeit aller Mitarbeiter des Unternehmens.“

Günter Lerch

Zur Person

Günter Lerch

wirkte im Aufsichtsrat der CCG, Centrale für Coorganisation, von 1984 bis 2006. Von 1990 bis 2002 übernahm er als Vertreter des Handels jeweils im zweijährlichen Wechsel mit dem Vertreter der Industrie den Vorsitz bzw. den stellvertretenden Vorsitz des Aufsichtsrates. In der Kaufring AG war er als Direktor für Organisation und EDV, später für Warenwirtschaft und Warensteuerung verantwortlich.

Reinhold Mesch

ist 1998 als Vertreter der Industrie in den Aufsichtsrat der CCG Centrale für Coorganisation berufen worden. Von 2002 bis 2007 war er in wechselnder Funktion sowohl Vorsitzender als auch stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats von GS1 Germany. Reinhold Mesch war Mitglied der Geschäftsleitung, verantwortlich für die Bereiche Finanzen/Administration des Consumer Healthcare-Geschäfts von GlaxoSmith-Kline in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Heute engagiert er sich als Gesch.ftsführer des Bühler Innovations- und Technologiezentrums (BITZ).

Jörg Pretzel

ist seit 2003 Geschäftsführer von GS1 Germany. Er vertritt das Unternehmen auf internationaler Ebene im Board von GS1 und als Co-Chairman von GS1 in Europe. Von 1997 bis 2003 hatte Jörg Pretzel Geschäftsführungspositionen bei der Herlitz PBS AG und der Uvex GmbH. Davor war er 15 Jahre bei der A.C. Nielsen GmbH tätig, zuletzt als Geschäftsführer Zentraleuropa sowie als Vice President Sales.

STANDARDS: Was hat die Unternehmen zur Zeit der Gründung bewegt – und welche Weichenstellungen waren aus Ihrer Sicht besonders wichtig?

Günter Lerch: Die Bereitschaft des Handels und der Industrie zur Kooperation verstärkte sich in den 70er- und 80er-Jahren; der Kostendruck nahm zu, eine Rotstiftaktion jagte die nächste. Die Notwendigkeit, wirtschaftlicher zu arbeiten, führte zur verstärkten Nutzung der gemeinsam entwickelten Systeme. Wichtige Schritte, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, waren sicherlich die Weiterentwicklung der Datenstrukturen und Kennzeichnungssysteme sowie der Start des Artikelstammdatenpools. Außerdem haben wir die internationale Harmonisierung vorangetrieben, den Weg in neue Branchen eröffnet – und mit der ECR-Initiative ganzheitliche partnerschaftliche Konzepte gefördert.

STANDARDS: 2005 wurde die Centrale für Coorganisation (CCG) in GS1 Germany umbenannt. Wie hat sich das Unternehmen aus Ihrer Sicht gewandelt?

Reinhold Mesch: Die CCG war, überspitzt gesagt, eine nationale Standardisierungsgesellschaft, in der sich darüber beklagt wurde, dass die vereinbarten Standards nicht ausreichend genutzt wurden; GS1 Germany ist heute ein zielorientiertes Standardisierungsunternehmen im internationalen Verbund und ein dynamischer Dienstleister, der aktiv hilft, Standards zu implementieren. Für mich persönlich zeigt sich der Unterschied auch darin, dass die Aufsichtsratssitzungen zu CCG-Zeiten wahre Marathonveranstaltungen waren. Überziehungen von bis zu zwei Stunden waren die Norm. In meiner ersten Sitzung als Vorsitzender versprach ich, Punkt 17 Uhr Schluss zu machen. „Dann bekommen Sie von mir eine Kaffeemaschine“ rief ein Aufsichtsrat. Ich gebe zu, es war die letzte Sitzung im Dezember und alle Aufsichtsräte halfen mit: Ich genieße noch heute den Kaffee aus dieser Maschine!

STANDARDS: Gibt es persönliche Begegnungen oder Erlebnisse, an die Sie besonders gern zurückdenken?

Günter Lerch: Das Unternehmen wird getragen, kontrolliert und inspiriert von den Anwendern. Ich habe dieses Miteinander in den 20 Jahren meiner Aufsichtsratsarbeit erleben und fördern dürfen. Auch wenn die Akteure – Handel, Industrie, Dienstleister – ihre eigenen Interessen vertreten, sie waren immer bereit, gemeinsame Lösungen zu finden. Sie waren immer bereit, ihre fachkundigen Mitarbeiter in die Lenkungskreise und Arbeitsgruppen zu entsenden. 40 Jahre CCG/GS1 Germany, das sind aber auch 40 Jahre erfolgreiche Tätigkeit aller Mitarbeiter des Unternehmens. Ich konnte mit Persönlichkeiten zusammenarbeiten, die kreativ, strategisch und zielstrebig die multifunktionalen Herausforderungen angenommen und erfolgreich gestaltet haben.

„GS1 Germany hat Wirtschafts­geschichte geschrieben.“

Reinhold Mesch

STANDARDS: Herr Pretzel, Sie lenken das Unternehmen seit zehn Jahren und haben dabei zahlreiche neue Entwicklungen angestoßen. Wie sieht Ihre persönliche Zwischenbilanz aus – und mit welchen Zielen starten Sie in die nächste Dekade?

Jörg Pretzel: In den vergangenen zehn Jahren hat GS1 Germany unglaubliche Veränderungen erlebt: durch das Internet, den Klimawandel und verändertes Shopperverhalten hat sich unser Portfolio erheblich erweitert um Themen wie Nachhaltigkeit, Mobile Commerce und Rückverfolgbarkeit. Gleichzeitig begleiten uns „Dauerbrenner“ wie Stammdatenmanagement oder elektronischer Datenaustausch bis heute und haben von ihrer Brisanz nichts eingebüßt – im Gegenteil! Besonders stolz bin ich darauf, dass wir auch in schwierigen Zeiten immer an unseren Visionen festgehalten und an deren Erfolg geglaubt haben. Und das Durchhalten hat sich gelohnt! So sind wir heute beispielsweise Marktführer für Category Management; wir vergeben nicht mehr nur Nummern, sondern bieten das umfassende Lösungspaket GS1 Complete an. Wir sind nicht mehr allein, sondern haben uns strategisch erweitert um fünf Tochtergesellschaften, die unser Portfolio wesentlich ausgedehnt haben. Unsere mittlerweile 50.000 Kunden kommen nicht mehr nur aus dem Konsumgüterbereich, sondern aus vielen anderen Branchen. Dabei ist unser Markenkern immer unverändert geblieben: Wir stehen für weltweit gültige Standards und Lösungen, die Geschäftsprozesse optimieren. Und genau das ist auch mein Ziel für die Zukunft: immer am Puls der Zeit zu bleiben mit marktorientierten Services, die auf unseren Standards basieren, und damit in Zeiten ständiger Veränderung für Stabilität und Kontinuität zu sorgen.

„Mein Ziel für die Zukunft ist: immer am Puls der Zeit zu bleiben mit marktorientierten Services, die auf unseren Standards basieren, und damit in Zeiten ständiger Veränderung für Stabilität und Kontinuität zu sorgen.“

Jörg Pretzel

STANDARDS: Produkttransparenz, Mobile Commerce, Nachhaltigkeit – die Unternehmen stehen in der Tat vor komplexen Herausforderungen. Welche Rolle kann und will GS1 Germany bei der Lösung von Zukunftsfragen spielen?

Jörg Pretzel: Eine wesentliche! Denn für alle drei Themen gilt, dass sie im Alleingang nur schwer zu bewältigen sind. Langfristig werden nur unternehmensübergreifende Lösungen bestehen können, die auf Kooperation und auf eindeutigen Standards basieren. Beispiel Produkttransparenz: Gesetzgeber und Verbraucher fordern dies vehement. Aber Trusted Data, also vom Hersteller autorisierte Produktinformationen, können nur über qualitativ hochwertige Stammdaten sichergestellt werden. Und dass diese Produktinformationen dann noch in den verschiedensten Kanälen online und offline stets verfügbar sind, dafür kann nur ein weltweit gültiger Stammdatenpool sorgen.

STANDARDS: Als zweitgrößte GS1 Länderorganisation hat GS1 Germany auch international eine starke Stimme. Welche Impulse wollen Sie hier geben?

Jörg Pretzel: Sei es die Anwendung der GS1 Standards in der Automobilbranche, die Nutzung der RFID-Technologie, die Etablierung unserer Tochtergesellschaft Smart Data One für hochwertige Produktdaten oder eine ganzheitliche Traceability-Lösung – GS1 Germany erweist sich in der GS1 Familie immer wieder als Vorreiter für innovative Lösungen und marktorientierte Services. Wir wollen auch weiterhin Vorbild für andere GS1 Länderorganisationen sein und treibende Kraft bei der Entwicklung und Umsetzung von Standards. Deshalb sind wir stark engagiert in internationalen GS1 Gremien, aber auch beim Consumer Goods Forum und ECR Europe. In nationalen Grenzen zudenken bringt heute niemandem mehr etwas. Wir wollen unsere nationalen Best Practices global vorantreiben und so für unsere international agierenden Kunden einen Mehrwert schaffen.

STANDARDS: Welche konkreten Projekte liegen Ihnen und Ihrem Team im Jubiläumsjahr besonders am Herzen?

Jörg Pretzel: Eine echte Herzensange legenheit sind für mich die viel unterschätzten Stammdaten, die heute mehr denn je von höchster Relevanz und Brisanz sind. Denn in Zeiten von schwindendem Verbrauchervertrauen, immer stärker geforderter Produkttransparenz und globalen Warenströmen sind qualitativ hochwertige Produktinformationen und ihre standardisierte Distribution in die Multichannelkanäle keine dröge Arbeit mehr für die IT, sondern ein wesentlicher Erfolgsfaktor für das Management. Von daher hoffe ich, dass mein unablässiges Werben für sauber gepflegte Produktdaten erhört wird. Neben dieser Basisarbeit gibt es viele weitere Zukunftsthemen, die wir vorantreiben wollen: beispielsweise nachhaltige Logistik mit unserer Lean and Green-Initiative, ein händlerübergreifendes System für mobiles Bezahlen und eine integrierte Traceability-Lösung für eine transparente Lieferkette für Verbraucher und Unternehmen. Nicht zuletzt wird 2014 unser erweitertes Knowledge Center 2.0 eröffnet – ein einzigartiges Lern- und Kompetenzzentrum für Wirtschaft und Wissenschaft, wo man zum Beispiel im virtuellen Supermarkt praxisnah den Einsatz unserer Standards erleben oder im „Creative Lab“ Produktinnovationen in außergewöhnlicher Umgebung entwickeln kann.

„In nationalen Grenzen zu denken bringt heute niemandem mehr etwas. Wir wollen unsere nationalen Best Practices global vorantreiben und so für unsere international agierenden Kunden einen Mehrwert schaffen.“

Jörg Pretzel

STANDARDS: Ihre Vision: Wo steht GS1 Germany im Jahr 2025?

Jörg Pretzel: Ich wünsche mir, dass GS1 Germany auch 2025 weiterhin die zentrale Wissensplattform und Kooperationsdrehscheibe für alle Beteiligten der Wertschöpfungskette sein wird – stark in Standards und Technologien, immer das Ohr am Markt für innovative Lösungen, die den Unternehmen die Zusammenarbeit in den Geschäftsprozessen erleichtern. In zehn Jahren werden neben der Konsumgüterwirtschaft viele weitere Branchen erkannt haben, welche enormen Vorteile in der Nutzung unserer Standards liegen – für sie selbst und für ihre Kunden. Aber vor allem wünsche ich mir, dass der Geist der Kooperation, der schon immer Dreh- und Angelpunkt für GS1 Germany war, bei Handel und Industrie in Fleisch und Blut übergeht. Denn nur partnerschaftliche Konzepte – davon bin ich zutiefst überzeugt – ebnen uns nachhaltig den Weg in eine erfolgreiche Zukunft.

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