Genau nachverfolgbar: Mit EPCIS gehören festgelegte Touren mit wenig Handlungs- und Reaktionsspielraum der Vergangenheit an.
Vollständig transparent: Mit EPCIS können alle Ereignisse in den physischen Warenflüssen automatisch erfasst und zu verarbeitet werden.
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Rückverfolgbarkeit  |  13.03.2014

Migros Ostschweiz: Schnittstellen-Standard für transparente Lieferkette

Von der Produktion bis in die Supermärkte: Ihre berühmte St. Galler Olma-Bratwurst hat die Genossenschaft Migros Ostschweiz jederzeit im Blick – dank der EPC Information Services (EPCIS) von GS1 Germany.

Ein mutiger Schritt in Richtung Zukunft: In den vergangenen Monaten hat die Genossenschaft Migros Ostschweiz ein beispielloses Projekt zur Optimierung ihrer Supply Chain Visibility realisiert. Ziel ist die vollständige Transparenz der Lieferkette auf der Basis hochautomatisierter Waren- und Informationsflüsse. Das Zusammenspiel von RFID-Technologie, elektronischem Produkt-Code (EPC) und EPCIS macht’s möglich: Mit dem Schnittstellen-Standard von GS1 können sämtliche Ereignisse in den physischen Warenflüssen automatisch erfasst und verarbeitet werden – es entsteht ein lückenloses und sehr granulares Netz von Informationen über alle Warenbewegungen und Prozessstufen hinweg. „Auf welchem Lkw befindet sich die Lieferung der Olma-Bratwurst an den Supermarkt am Sankt Galler Neumarkt? Wann genau ist sie abgefahren und mit genau welchen Paletten?“ Fragen wie diese beschäftigen Daniel Balmer, Bereichsleiter Transportlogistik der Genossenschaft Migros Ostschweiz. „Und ist die Extrabestellung, die aufgrund des Grillwetters eigentlich viel zu spät in der Produktion ankam, ebenfalls an Bord?“ Dank EPCIS weiß die Migros Ostschweiz jederzeit genau, welches Objekt sich wo und wann zu welchem Zweck befindet. So können die Prozesse in der Supply Chain entsprechend exakt und optimiert ausgesteuert werden. Mit dem erfolgreichen Projekt, das unter anderem GS1 Germany intensiv begleitet hat, legt das Handelsunternehmen den Grundstein für einen nationalen Rollout des EPCIS-Standards.

Die Migros Ostschweiz in Zahlen

Die Migros Ostschweiz in Zahlen

Das Wirtschaftsgebiet der Migros Ostschweiz umfasst die Kantone Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Graubünden, Schaffhausen, St. Gallen, Thurgau sowie den nördlichen und östlichen Teil des Kantons Zürich. Mit knapp 9.000 Mitarbeitenden betreibt die Migros Ostschweiz 92 Supermärkte, 46 Fachmärkte, 37 Restaurants, einen Cateringservice, zehn Klubschulen, zwei Fitnessparks in St. Gallen und Winterthur, sechs MFIT-Trainingszentren, das Freizeitzentrum Säntispark in Abtwil sowie den Golfpark Waldkirch.

Überdies führt die Migros Ostschweiz das Viersternehotel Säntispark in Abtwil. Im Jahr 2013 erzielte die Genossenschaft einen Umsatz von 2,3 Milliarden Franken und einen Gewinn von 58,8 Millionen Franken.

400.000 Personen sind Genossenschafter beziehungsweise Genossenschafterinnen der Migros Ostschweiz.

Intelligente Infrastrukturinvestition

Bereits in der Vergangenheit hat der Schweizer Handelskonzern konsequent in die Automatisierung der Logistikprozesse investiert – daraus ergibt sich das von den Ostschweizern genutzte Verbesserungspotenzial. So ist bereits heute das einzelne Gebinde, der Versandbehälter der Bratwurst, bei den Migros Genossenschaften eindeutig per RFID identifizierbar. Jedoch verschwindet diese Identifikation aktuell beim Verteilen auf eine Palette zugunsten der Palettennummer. Nun ist nur noch ersichtlich, dass beispielsweise eine Palette mit bestimmten Warengruppen auf dem Weg nach Wil auf den Lkw wartet. Sobald die Palette auf den Lkw verladen ist, weiß Migros lediglich, dass ein Lkw einer bestimmten Tour, zum Beispiel Fleisch-Molke-1, mit einer bestimmten Palettenanzahl nach Wil und danach nach Winterthur und Schaffhausen unterwegs ist. Die im Moment genutzten Systeme sorgen zwar bereits für weitgehend transparente Logistikprozesse, jedoch sind die Informationsflüsse nicht durchgängig und vor allem nicht in der nötigen Granularität mit der tatsächlichen Warenbewegung synchronisiert. Festgelegte Touren und Pläne mit wenig Handlungs- und Reaktionsspielraum sind die Folge; spontane Änderungen aufgrund von besonderem Bedarf oder auch logistischem Optimierungspotenzial können nur mit Schwierigkeiten realisiert werden.

Die Entscheidung des Migros Genossenschafts-Bundes, national auf GS1 Standards zu setzen und sämtliche Gebinde mit RFID-Tags beziehungsweise dem elektronischen Produkt-Code auszustatten, erweist sich daher im Rückblick als strategisch sinnvoll – und als zukunftssichere Investition.

„Diese vorausschauende Maßnahme ermöglicht uns bei der Migros Ostschweiz jetzt eine bislang beispiellose Weiterentwicklung unserer Supply Chain Visibility“, sagt Tomislav Pavicic, Supply Chain-Architekt bei der Genossenschaft Migros Ostschweiz. „Durch den Einsatz von EPC/RFID und die eindeutige Identifikation jeder einzelnen logistischen Einheit erreichen wir die durchgängige Verfügbarkeit aller Warenflussinformationen in einem EPCIS Repository. Heute kann jedes beliebige Ereignis geschrieben, ausgewertet und mit auftragsbezogenen oder Prozessdaten verknüpft werden.“ Der GS1 Schnittstellen-Standard EPCIS bietet darüber hinaus die Chance, Daten dezentral in einem konsistenten Format für alle im logistischen Prozess beteiligten Partner und Anwendungen bereitzustellen, und das ohne großen Aufwand für IT und neue Schnittstellenbeschreibungen. Die Migros verfügt so heute genau über die Informationen, die bisher entlang der Lieferkette verloren gingen.

Flexibler Umgang mit Warenbewegungen

„Neben dem Segment Fleisch und Wurst werden zurzeit bei der Migros Ostschweiz die gekühlte Kommissionierung – etwa Joghurt, Milch und Käse – und Convenience-Produkte mit in die EPCIS-Plattform integriert“, berichtet Beat Huber, Bereichsleiter Warenlogistik der Genossenschaft Migros Ostschweiz. „Hierbei reichen überschaubare 25 Events, eingeteilt in 14 Eventklassen und drei Eventtypen, zur vollständigen Beschreibung der Warenflüsse aus.“ Der volle Mehrwert des Systems ergibt sich jedoch erst dann, wenn die durchgängig vernetzte Supply Chain über die Grenzen der Migros Ostschweiz auch auf nationaler Ebene und damit für alle Partner der Migros Gemeinschaft und darüber hinaus nutzbar wird. Mit diesem Ziel bringt der Migros Genossenschafts-Bund jetzt ein eigenes Kompetenzcenter EPCIS/RFID an den Start: „Dieser Level an Transparenz in unseren kompletten Warenflüssen eröffnet enormes Effizienzpotenzial“, sagt Marcel Ducceschi, Leiter Supplier Systems beim Züricher Migros Genossenschafts-Bund. „Ziel ist eine die gesamte Migros Supply Chain – von Industrie über die Migros Verteilzentren bis in die Genossenschaften – umfassende Transparenz über Mengen und Warenbewegungen.“ Auch bei diesem weiterführenden Projekt steht das Expertenteam von GS1 Germany den Schweizern beratend zur Seite.

Transparenz und Sicherheit für effiziente Filialprozesse

Mit der stufenweisen Implementierung moderner GS1 Standards für Kommunikation und Identifikation setzt die Migros Ostschweiz Maßstäbe für alle Genossenschaften und die gesamte Branche. „Oberstes Ziel war es, die Supply Chain und damit alle automatischen Prozesse konsequent auf den Verkaufsprozess auszurichten“, beschreibt Huber die grundlegende Intention. „Wir können wesentlich flexibler und leichtfüßiger mit Warenbewegungen umgehen – und in der Folge viel feiner kommissionieren und liefern beziehungsweise Besonderheiten berücksichtigen und brachliegende logistische Potenziale nutzen.“ EPCIS liefert aktuelle und genaue Informationen für das automatische Bestellsystem und sorgt für lieferabhängige Buchungen der Bestände, zum Beispiel bei Eintreffen der Ware in der Filiale. „Es vereinfacht zum einen die Bewirtschaftung unserer zweimal täglich umgeschlagenen Frischeplattform und ermöglicht zum anderen eine optimierte Auslastung der automatischen Anlagen und der Lkw-Kapazitäten“, erläutert Balmer. Die Echtzeitinformationen helfen außerdem Lieferdifferenzen zu vermeiden, Fehl- und Falschlieferungen sowie Mengenschwankungen zu erkennen und das Fehlerhandling und somit auch die Kosten zu reduzieren. Darüber hinaus schaffen die stets verfügbaren aktuellen Daten über den Waren-, Belieferungs- und Palettenstatus Vertrauen und Sicherheit in der Wertschöpfungskette und gewährleisten die lückenlose Rückverfolgbarkeit von Produkten. „Sie bilden jetzt schon die Basis für das anvisierte umfassende Supply Chain Event Management bei der Migros Ostschweiz“, beschreibt Pavicic die Zukunftspläne der Ostschweizer. Alles in allem ein klares Plus für den Händler, seine Kunden und Lieferanten.

Produkten auf der Ferse

2007 entwickelten GS1 und EPCglobal den offenen Standard EPCIS (Electronic Product Code Information Service). Damit können Unternehmen beliebige Produkte oder Sendungen auf ihrem Weg entlang der Lieferkette verfolgen. EPCIS teilt den Unternehmen immer genau mit, wann eine Lieferung an welchem Ort erfasst wurde und was dort genau mit der Ware passierte. Erfassungsgeräte (zum Beispiel RFID- oder Barcodeleser) lesen an bestimmten Punkten der Lieferkette den Electronic Product Code (EPC) aus. Diese Informationen verknüpft das System mit dem Standort, der lokalen Zeit, dem aktuellen Status sowie dem jeweiligen Geschäftsprozess innerhalb der Lieferkette. Die einzelnen Leseereignisse bilden eine zusammenhängende Kette und ermöglichen damit ein vollständiges Tracking & Tracing. Darüber hinaus deckt das System Schwachstellen in der Lieferkette auf und hilft dabei, den Transportprozess zu optimieren.

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