Jede zweite Klinik in Deutschland schrieb 2013 bereits rote Zahlen.
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Healthcare  |  16.12.2014

Krankenhäuser im Umbruch

Die wirtschaftliche Situation deutscher Krankenhäuser hat sich in den letzten Jahren erheblich verschlechtert. Sie sind kaum noch in der Lage, die steigenden Kosten durch Einsparungen aufzufangen, viele stehen vor der Insolvenz. Der Spagat zwischen Kostendruck und Patientensicherheit wird immer größer.

Glossar

EDI

Electronic Data Interchange: elektronischer Datenaustausch

UDI

Unique Device Identification: Richtlinie zur Identifikation von Medizinprodukten durch standardisierte Barcodes auf Verpackungen.

EPCIS

Electronic Product Code Information Services: Standard zur Schnittstellenspezifizierung

GTIN

Global Trade Item Number: Globale Artikelnummer

NTIN

National Trade Item Number: Nationale Artikelnummer

GLN

Global Location Number: Globale Lokationsnummer

Vielerorts kämpfen Krankenhäuser ums Überleben – 2012 schrieben bereits 52 Prozent der knapp 2.000 Kliniken rote Zahlen, nachdem es ein Jahr zuvor noch 31 Prozent gewesen waren, so eine Studie des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI). Aufgrund eines kurzfristigen Hilfsprogramms der Bundesregierung sank die Zahl 2013 zwar auf 42 Prozent, die wirtschaftliche Situation bleibt gleichwohl angespannt. Laut dem »Krankenhaus Rating Report 2014« könnten bis zu 13 Prozent aller Kliniken bis 2020 wegfallen, weil sie nicht ausreichend investitionsfähig sind, um ihr Leistungsangebot sicherzustellen. Bei einem aufgelaufenen Investitionsstau von 50 Milliarden Euro und oft ausgereizter Einsparpotenziale in der internen Organisationsstruktur dürfte diese Gefahr für die meisten Einrichtungen zur Realität werden.

Die Krankenhäuser stehen vor dem Dilemma, dass sie weitere Einsparungen in Abläufen, Technik, vor allem aber Personal nicht mehr vornehmen dürfen, wenn sie nicht die Qualität ihrer Leistungen schädigen wollen. Steigenden Ausgaben und sinkenden Einnahmen steht die unverändert anspruchsvolle Aufgabe gegenüber, die Bevölkerung mit medizinischen Leistungen auf hohem Niveau zu versorgen. Eine Herausforderung, die für nicht wenige Häuser unlösbar sein könnte. Dies gilt vor allem für die öffentlich-rechtlichen Krankenhäuser, die einen Versorgungsauftrag haben, sich also nicht auf ein medizinisches Angebot konzentrieren können, das Geld in die Kasse bringt. Es ist ein Fakt: Der öffentlich-rechtliche Versorgungsauftrag kostet mehr Geld, als er einbringt, und das birgt Risiken. Viele Häuser versuchen in dieser Situation, so Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes, sich zu »kleinen Universitätskliniken« zu entwickeln, die alles anbieten. Die medizinische Versorgung in Deutschland wird dadurch aber keineswegs besser, im Gegenteil.

Reformobjekt Krankenhausplanung

Deutschland braucht vielmehr eine Reform der Krankenhausplanung, darüber herrscht weitgehend Einigkeit in der Branche. Um Versorgungsprobleme zu beseitigen und die Patientensicherheit zu stärken, muss die historisch gewachsene Kliniklandschaft am Bedarf der Patienten ausgerichtet werden. Ein Beispiel: Rund um Dortmund, so Johannes Heß, alternierender Vorsitzender der AOK Nordwest, gibt es allein 44 Krankenhäuser, die den Blinddarm entfernen können – dies ist eine typische teure Überversorgung, die zu den finanziellen Problemen in der Krankenhauslandschaft führen kann. So stehen laut Krankenhausbarometer 2012 des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) 23 Prozent aller Klinikbetten übers Jahr gerechnet leer, weil sich jede Kommune an ihr „Krankenhäuschen“ klammert. Dabei würden zehn Prozent Leerstand ausreichen, um selbst heftige Grippewellen ohne Engpässe zu überstehen.

Oder eine andere Zahl: Jede siebte Klinik in Deutschland, so ein Gutachten des Forschungsinstituts RWI für den Verband der Ersatzkassen, ist überflüssig und könnte geschlossen werden, ohne die Versorgung der Patienten zu verschlechtern, da 99,6 Prozent der Deutschen das nächste Krankenhaus der Grundversorgung innerhalb von 30 Autominuten erreichen können. Die wegen fehlender Rentabilität geschlossenen Kliniken könnten als Pflegeheime oder Versorgungszentren genutzt werden. Experten fordern daher seit Langem neben dem Erhalt der Grundversorgung eine Spezialisierung von Krankenhäusern, die Zusammenlegung von Fachabteilungen und die Schließung unrentabler Standorte. Solche Umstrukturierungen kosten aber zunächst einmal Milliarden, bevor sie sich auszahlen – Bund und Länder sind hierüber im Gespräch.

Mehr Patientensicherheit

Eine Reform der Krankenhausstruktur in Deutschland dient auch dem Erhalt und Ausbau der Patientensicherheit. Beispiel Hüftgelenkoperation: 37 Prozent der Eingriffe in nicht spezialisierten Krankenhäusern sind laut Krankenhausreport 2014 Wiederholungsoperationen. Konkreter gesagt: Im Fünftel der Krankenhäuser mit den wenigsten Eingriffen wird öfter nachoperiert als im Fünftel der Krankenhäuser mit den meisten Behandlungen. So wird der Aufenthalt im Krankenhaus zum Sicherheitsrisiko. Die Spezialisierung von Krankenhäusern bedeutet dagegen mehr Sicherheit für die Patienten – neben anderen Maßnahmen wie auch zum Beispiel der Einführung elektronischer Verschreibungssysteme oder verschärfter Hygienemaßnahmen.

Die Wurzeln der Misere liegen im System: Deutsche Krankenhäuser, soweit sie im Krankenhausplan ihrer jeweiligen Bundesländer enthalten sind, erhalten ihre Mittel nach dem Prinzip der dualen Finanzierung. Grundsätzlich werden die laufenden Betriebskosten dabei von den Krankenkassen getragen, die Investitionen aber von den Bundesländern finanziert. Angesichts leerer Länderkassen sind jedoch schon seit Jahren Wartezeiten von bis zu zehn Jahren gang und gäbe, ehe eine Investition genehmigt wird. Die Folge: Wichtige Geräteanschaffungen und Baumaßnahmen werden vielfach von den Krankenhausträgern selbst finanziert, soweit sie sich diese Investitionen überhaupt noch leisten können. Die Umstellung von der Bezahlung der Krankenhausleistungen nach Tagessätzen unabhängig von der tatsächlich erbrachten Leistung auf Fallpauschalen tat ein Übriges: Die Kalkulation vieler Krankenhäuser geriet aus den Fugen. Kommunen und Kreise müssen die Defizite ausgleichen. Oftmals sind sie dazu aber nicht in der Lage, was die Situation perspektivisch noch verschlimmert.

Lohnender Blick auf Prozesse

Das klingt nach großem Dilemma. Dabei gibt es die eine oder andere Stellschraube mit guten Chancen auf erhebliches Sparpotenzial. So können laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum bis zu 75 Prozent der Prozesskosten mit international gültigen Standards und einem elektronisch vernetzten Beschaffungswesen eingespart werden. Das würde die Krankenhäuser in Deutschland jährlich mit bis zu 72 Millionen Euro entlasten. Eine exakte Erfassung des Verbrauchsmaterials mittels Scanning am Patienten und damit eine exakte Nachkalkulation jeder Behandlung zur detaillierten Abrechnung mit der Krankenkasse erhöht dazu auch die Erlöse der Krankenhäuser. Die Folgen mangelnder Investitionen in Deutschland sind spürbar: Weil die Krankenhäuser heute in einer echten Wettbewerbssituation stehen, wird mindere Qualität abgestraft. Patienten werden kritischer. Sie informieren sich, vergleichen Leistungen und stimmen mit den Füßen ab. Wichtigster Maßstab bei ihrer Entscheidung sind die Qualität der Leistungen und die Patientensicherheit. Krankenhausmanager müssen daher Strategien entwickeln, um die Existenz ihrer Häuser langfristig zu sichern. Sie müssen einerseits die Kosten senken, andererseits die Versorgungsqualität nach außen sichtbar verbessern und die Angebote ihrer Kliniken dem schwierigeren Markt anpassen, teils durch Spezialisierung, teils durch Ausweitung, fast immer aber durch Maßnahmen, die zunächst einmal Geld kosten. Dazu gehört auch der Schritt ins digitale Zeitalter.

Auch der Gesetzgeber fordert

National wie international sorgt der Gesetzgeber für einen technologischen Schub. So sehen sowohl die EU-Richtlinie 2011/62/ EU als auch die in den USA am 24. September 2014 in Kraft getretene Auflage von UDI (Unique Device Identification) die eindeutige Identifikation von Produkten und damit die Einführung standardisierter Barcodes vor. Keine Frage: Die deutschen Kliniken müssen investieren, um sparen zu können, und sie brauchen andererseits eine konsequente Strukturreform. Für die Gesundung des Krankenhauswesens wird auch der Staat gefordert sein

GS1 Standards im Gesundheitswesen

Patientensicherheit

Patientensicherheit zu gewährleisten, ist uneingeschränkte Pflicht aller Beteiligten. Das richtige Medikament für den richtigen Patienten, zur richtigen Zeit, in der richtigen Dosierung – und das alles auf dem richtigen Weg: das ist das Kernziel. Eine Medikationskontrolle auf Basis von GS1 Standards ist der Schlüssel dazu.

Arzneimittelfälschungssicherheit

Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass weltweit rund zehn Prozent aller im Umlauf befindlichen Arzneimittel gefälscht sind. Die wirkungslosen bis lebensgefährlichen Präparate verursachen ein hohes Risiko für Patienten. Mit GS1 Standards können Medikamente eindeutig gekennzeichnet und verifiziert werden.

Gesetzliche Regelungen

Die Reglementierungen im Gesundheitswesen nehmen stetig zu. Die eindeutige maschinenlesbare Identifikation von Medizinprodukten und die Serialisierung von Arzneimitteln werden zukünftig in immer mehr Ländern gesetzliche Pflicht. Mit der Anwendung von GS1 Standards sind viele Voraussetzungen schon heute erfüllt, um eine gesetzeskonforme Umsetzung zu gewährleisten.

Rückverfolgbarkeit

Sind fehlerhafte Medizinprodukte oder Medikamente in den Markt gelangt, muss ein Rückruf schnell und fehlerfrei verlaufen können. Von wo wurde das Produkt an wen geliefert? GS1 Standards bieten die Basis für effiziente und sichere Rückrufe und eine lückenlose Rückverfolgbarkeit.

Controlling

Steigender Kostendruck fordert effiziente Prozesse von allen Akteuren entlang der Wertschöpfungskette: fehlerhafte Lieferungen, Rechnungsfehler und falsche Lagerbestände können durch elektronischen Datenaustausch mit GS1 Standards vermieden werden. Manuelle Abläufe lassen sich automatisieren, das spart Kosten und Zeit – Zeit, die den Patienten und der Pflege zugute kommt.

Foto: Corbis
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