Initiative Getränke-Mehrweg: Weg frei für einheitliche Mehrwegtrays
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Logistik  |  19.09.2017

Kostentreiber Individualität

Poolflasche oder doch lieber die Marke mit einer Individualflasche stärken? Daran zerreiben sich Brauereien und Handel seit Jahren. Fakt ist: Die Vielfalt verursacht auch Kosten. Jetzt hat die Branche Verantwortung übernommen.

Idealerweise würden alle Brauereien für die Mehrweg-Abfüllung einheitliche Flaschen wie die NRW-Poolflasche nutzen. Diese können ohne Weiteres bei der Rückführung zwischen den Herstellern getauscht werden. Doch immer mehr Unternehmen setzen auf eine stärkere Positionierung der eigenen Marke in Form individuell gebrandeter Flaschen und Kästen. Die zunehmende Individualisierung verdrängt die Poolflaschen im Mehrwegsystem. Ist der Wiedererkennungswert für den Verbraucher auch hoch, die Rückführung ist kostenintensiver, die Umlaufzahlen sind geringer und auch die Ökobilanz lässt die Individualflasche schlechter dastehen. Die zunehmende Flaschenvielfalt wird insbesondere bei der Sortierung spürbar. Laut einer von der Versuchs- und Lehranstalt für Brauereien in Berlin durchgeführten Befragung wird die Sortierung überwiegend (82 Prozent) manuell umgesetzt. Inzwischen setzen zwar immer mehr Unternehmen auf vollautomatische Sortierung, aber gerade die kleineren und mittleren Betriebe können sich keine teuren Sortieranlagen erlauben. Der Anteil der manuellen „Vor“-Sortierung in den Filialen des Handels und Getränkemärkten liegt nach wie vor bei 100 Prozent, da dort keine Sortieranlagen zum Einsatz kommen (können). Für Diskussionsstoff sorgt auch die Ökobilanz des aktuellen Mehrwegsystems. Da Individualflaschen immer wieder an ihre Ausgangsstelle zurückgefahren werden müssen, sind sie länger unterwegs als Poolflaschen. Laut einer Studie von Deloitte ist die Individualflasche mit durchschnittlich 540 Kilometern über 100 Kilometer mehr auf der Straße als Poolflaschen, die es auf 419 Kilometer bringen.

Komplexere Prozesse

Die Sortier- und Rückführungsprozesse sind enorm komplex geworden. Die Branche ist sich einig, dass die Entwicklungen das Mehrwegsystem teurer machen. Dem will die Initiative Getränke- Mehrweg entgegenwirken. Gestartet wurde sie 2015 mit 15 Unternehmen wie Brauereien, Brunnen sowie Einzel- und Großhandel unter dem Dach von GS1 Germany. Ihr Ziel: Lösungsansätze zu erarbeiten, die die Komplexität für das Mehrwegsystem bei Bier und alkoholfreien Getränken reduzieren. Im Frühjahr 2017 legte die Branche gemeinsam mit GS1 Germany ein Positionspapier vor, mit dem die Prozesse zwischen allen Beteiligten kooperativ und fair verbessert und das Mehrwegsystem gestärkt werden soll (STANDARDS berichtete).

Leergut in einheitlichen Trays

So einigten sich die Beteiligten darauf, weiterhin inkompatible Ladungsträger zu meiden, damit Gebinde modular und stapelbar bleiben. Eine wichtige Entscheidung war die Typisierung standardisierter Leergut- Ersatzgebinde, unter anderem Trays, durch GS1 Germany. Sie sollen der Rückführung von überzähligen leeren Flaschen vom Handel an die Hersteller dienen. Ein solches System bietet die Möglichkeit, Leergut ohne zusätzlichen Aufwand an die Handelslager oder den Getränkefachgroßhandel zurückzuführen. Die logistischen und funktionalen Merkmale von einheitlichen, typisierten Trays wurden jetzt beschrieben. Derzeit sind fünf verschiedene Trays mit Nutzungsvolumina von 20 bis 48 Flaschen vorgesehen. Definiert wurde beispielsweise die Eintauchtiefe der Flaschen, Maße und Nestbarkeit. Maßgeblich für die Verabschiedung durch die Initiative Getränke- Mehrweg war jedoch die Kompatibilität zu marktgängigen Ladungsträgern wie Europalette, Viertel- und Halbpalette sowie Dollies. Als Vorbild für die standardisierten Typen dienten bereits im Markt eingesetzte Trays der Firma Logipack.

Damit ein Mehrweggebinde langfristig nachhaltig ist, sollte sein Einsatz bereits bei der Abfüllung beginnen. Dass es auch für Hersteller ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich ist, auf Mehrwegtrays zu setzen, zeigt ein Beispiel der Brauerei Stiegl aus Salzburg. Als eine der ersten Brauereien hat sie Ende 2016 Mehrwegtrays der Firma Logipack in die automatisierte, maschinelle Verarbeitung von Leergut und Vollgut eingebunden. Im Vorfeld hatte Stiegl eine neue Umpackanlage in Betrieb genommen. Mit dieser ist es möglich, 0,5-Liter-Mehrwegflaschen automatisiert in verschiedene Open Baskets und Mehrwegtrays zu packen und flexibel zu palettieren. Beim Entlader übernimmt ein Roboter die Entpalettierung der Mehrwegkästen, das Auspacken der Vollflaschen (NRW-0,5-Liter) und das Einpacken in 6er-Träger. Den zurückkommenden Mehrwegtrays mit Leergut werden die leeren Flaschen automatisch entnommen. 8,8 Mio. Mehrwegflaschen hat Stiegl allein im ersten Halbjahr 2017 automatisiert aus und in Mehrwegtrays gepackt. Das Resultat: schnellere Prozesse und null Verpackungsmüll. Für die Branche sind die Kosten für die Sortierung und Rückführung von Mehrwegflaschen nach wie vor hoch. Doch erste Schritte wurden von der Initiative Getränke-Mehrweg in die Wege geleitet. Sie hofft, dass die neu definierten Prozesse und Standards schnell spürbar werden. Pilotanwendungen zeigen, dass sie von Erfolg gekrönt sein dürften.

Bildhinweis: Logipack
GS1 Germany
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