Thomas Jarzombek führt den Vorsitz der Arbeitsgruppe „Digitale Agenda“ der CDU/CSU-Fraktion.
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Digitalisierung  |  06.06.2016

"Wir sind besser als wir selbst oft glauben"

Thomas Jarzombek, Jahrgang 1973, ist Abgeordneter im Deutschen Bundestag für die CDU. Er führt den Vorsitz der Arbeitsgruppe „Digitale Agenda“ der Unions-Fraktion. Im Gespräch mit dem Magazin Standards erläutert Thomas Jarzombek auch, wie er ganz persönlich seinen Platz in der digitalen Welt definiert – und warum gerade deutsche Unternehmen ihre Chancen nicht unterschätzen sollten.

Der wichtigste Branchentreff des Jahres!

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Am 21. + 22. September in Berlin

STANDARDS: Herr Jarzombek, wie fühlen Sie sich, wenn Sie aufgrund einer Sitzung, einer Flugreise oder Ähnlichem einmal für zwei Stunden nicht auf Ihr Smartphone schauen können, um E-Mails abzurufen?

Thomas Jarzombek: Zwei Stunden können sehr lang werden, wenn man sich dieses Zeitfenster gerade nicht bewusst freigemacht hat. Als Abgeordneter und Kreisvorsitzender bekomme ich Tag für Tag eine ganze Menge E-Mails, die ich auch schnell beantworten möchte. Doch damit nicht genug. Ich nutze die sozialen Medien, um Internet-User zu meinem Aufgabengebiet „Digitale Agenda“ oder zu Terminen und interessanten Begegnungen im Wahlkreis auf dem Laufenden zu halten. Auch dort bin ich ansprechbar, bekomme Nachrichten, Kommentare und Antworten auf Tweets. Der Vorteil ist, ich kann in Berlin und Düsseldorf immer auf dem Laufenden bleiben, ohne direkt vor Ort zu sein – bestimmt durch den Rhythmus von Sitzungswochen und sitzungsfreien Wochen des Bundestags. Ich kann aber durchaus mal auf zwei Stunden Empfang verzichten und lese nur die Zeitung oder eine Zeitschrift auf dem iPad – das funktioniert auch im Flugmodus.

STANDARDS: Sie sind seit 2014 Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Digitale Agenda“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Was wurde seitdem erreicht in Sachen Digitalisierung Deutschlands? Und wo sehen Sie noch immer großen Handlungsbedarf?

Thomas Jarzombek: Den größten Handlungsbedarf sehe ich im Umgang mit Daten. Es fehlt eine offene Diskussion über Daten und ihre Nutzung. Manchmal kommt es mir so vor als sei „Daten“ ein schlimmes Wort, das sofort eine Abwehrhaltung des Angesprochenen auslöst. Ich möchte, dass wir darüber diskutieren, wie wir Daten nutzen können – und nicht immer darüber, wie sie missbraucht werden könnten. Wir brauchen ein Gesetz, um öffentliche Daten in vielen Bereichen erheben und für Innovationen und die Wohlfahrtssteigerung der Menschen verfügbar machen zu können. So schaffen wir beispielsweise Möglichkeiten für Gründer, auf der Basis von Verkehrs-, Gesundheits- oder anderen Daten innovative Produkte und Dienstleistungen im Internet zu entwickeln.

In anderen Bereichen der Digitalisierung haben wir schon eine ganze Menge erreicht. Über das Förderprogramm des Bundes wird erstmals direkt Geld aus dem Bundeshaushalt für den Breitbandausbau zur Verfügung gestellt. Mehr als zwei Milliarden Euro sind dafür vorgesehen. Darüber hinaus ist das IT-Sicherheitsgesetz verabschiedet worden, für Gründer hat die Bundesregierung neue Fördermöglichkeiten geschaffen und mit der Digitalen Dividende II haben wir neue Frequenzen für schnelles mobiles Internet geschaffen. Mit Blick auf den Koalitionsvertrag können wir recht zufrieden sein.

„Wir brauchen eine offene Diskussion über die sinnvolle Nutzung von Daten.“

Thomas Jarzombek, Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Digitale Agenda“ der CDU/CSU- Bundestagsfraktion

STANDARDS: Bei ihrem Rundgang auf der diesjährigen CeBIT zeigte sich die Bundeskanzlerin beeindruckt – auch von den Errungenschaften des CeBIT-Partnerlandes Schweiz. Wie gut ist Deutschland im internationalen Vergleich?

Thomas Jarzombek: Im internationalen Vergleich steht Deutschland besser da, als man oft glaubt. Im Ausland bin ich bereits auf die Vorreiterrolle Deutschlands im Bereich Digitalisierung der klassischen Industrien angesprochen worden. Darauf müssen wir aufbauen. Wir wollen schnellstens den Mobilfunkstandard 5G in Deutschland einsetzen können. Den brauchen wir, um möglichst schnell mit dem wachsenden mobilen Datenverkehr umgehen zu können. In den nächsten Jahren wird die Zahl der mit dem Netz verbundenen Geräte massiv zunehmen. Das sind nicht alles Computer und Smartphones im klassischen Sinn, sondern auch Sensoren, die für intelligente Infrastrukturen wie etwa im Mobilitätsbereich notwendig sind.

Das Internet hält zusehends Einzug ins Automobil. Intelligente Fahrerassistenzsysteme, wie Notbremsassistent, Spurhalte- und Spurwechselassistent, erhöhen die Verkehrssicherheit bereits bedeutend, die Anzahl der Verkehrstoten sinkt seit Jahren. Die Entwicklung geht jetzt Schritt für Schritt von Fahrassistenzsystemen hin zu Funktionen, die automatisiertes Fahren ermöglichen. Damit das fahrerlose – autonome – Fahrzeug auf den Straßen unterwegs sein kann, bedarf es noch erheblicher technologischer Entwicklungen und Rechtsanpassungen. Auch hier sehe ich Deutschland mit einer starken Automobilindustrie als Vorreiter.

STANDARDS: Ein Blick auf den Unternehmenssektor, unabhängig von der Branche: Wie weit muss Digitalisierung gehen? Ist das papierlose Büro das Ziel bzw. ist es überhaupt jemals erreichbar?

Thomas Jarzombek: Das papierlose Büro ist ein Dauerbrenner, seit Jahr(zehnt)en im Gespräch, aber nie erreicht. Ich maße mir auch nicht an, es als Ideal anzupreisen. Ich arbeite mit den Kollegen im Bundestag daran, das Erfordernis für Papier im Behördenverkehr, etwa wenn es um die klassische Unterschrift als einzig mögliche Identifizierungsmethode geht, zu verringern. Wir haben mit dem neuen Personalausweis ungeahnte Möglichkeiten für eine sichere Identifizierung im Internet geschaffen. Typisch deutsch, haben wir aber die Anforderungen so hoch geschraubt, dass es kaum Szenarien für den Einsatz in der Praxis gibt. Das wollen wir in dieser Wahlperiode noch ändern.

STANDARDS. Wagen Sie einen Ausblick darauf, wie die 
Digitalisierung unser Leben und Arbeiten 
künftig weiter verändern wird?

Thomas Jarzombek: Die Digitalisierung ist nichts Vorübergehendes. Ich weiß, das klingt völlig abgedroschen. Aber ich bekomme oft den Eindruck, dass genau diese grundlegende Feststellung noch nicht bei jedem angekommen ist. Wir werden in den nächsten Jahren verschiedene Märkte beobachten, die sich rasant wandeln. Bei Märkten wie „Beherbergung/Hotellerie“ oder „Mobilität“ sehen wir diese Entwicklung schon jetzt. Wer trotzdem glaubt, dass sich Märkte und Geschäftsmodelle verändern, ohne dass sich der eigene Arbeitsplatz verändern wird, der irrt. Auch in der Politik suchen wir nach Antworten, wie wir mit der Veränderung der Arbeitswelt durch Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Robotertechnik umgehen können. Diese Frage muss sich auch jeder von uns persönlich stellen.

Foto: Tobias Koch
GS1 Germany
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