Ercan Kilic, Leiter Mobile Commerce und Financial Services, GS1 Germany
Matthias Höhnisch, Leiter Kartengeschäft beim Bundesverband der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken
Stefan Eulgem, Vice President Payment / Enabling Services, Telekom Deutschland GmbH
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Mobile Payment  |  08.09.2016

"Wir müssen einen langen Atem beweisen"

Der Markt für Mobile Payment gleicht eher einem Marathon als einem Sprint, glauben Matthias Hönisch vom Bundesverband der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken, Telekom Manager Stefan Eulgem und GS1 Germany Experte Ercan Kilic. Im Interview erklären sie, wie man bei diesem Rennen das Ziel erreicht und welche  Rolle die girocard mobile in der virtuellen Brieftasche spielen könnte.

STANDARDS: Herr Hönisch, trotz erster Praxistests ist der Verbraucher beim Thema Mobile Payment noch immer sehr zurückhaltend. Stagniert der Markt nach der ersten Euphorie? 

Hönisch: Als Banken wissen wir, dass sich Verbrauchergewohnheiten nur sehr langsam ändern. So reduziert sich der Bargeldanteil beim Bezahlen jährlich nur um etwa ein Prozent. Gleichzeitig sehen wir aber immer mehr Kunden, die sich ein solches Produkt von ihrer Bank wünschen. Der Markt hat gerade erst angefangen sich zu entwickeln. Wenn wir uns das als Marathon vorstellen, sind wir nicht einmal bei Kilometer 5. 

STANDARDS: Was kann man tun, damit das Thema nicht auf der Strecke bleibt?

Kilic: Der Markt kommt erst ins Rollen, wenn verschiedene Voraussetzungen geschaffen sind. Das Bezahlverfahren muss einfach und sicher sein und zudem eine breite Akzeptanz bei Händlern finden. Und neben Einfachheit und Sicherheit wünscht sich der Kunde auch Mehrwertdienste wie Couponing & Loyalty.

Eulgem: Und wie beim Marathon müssen nicht nur die Rahmenbedingungen stimmen, also der Zuwachs von Kassenterminals, die die Near Field Communication (NFC) beherrschen, sowie der Rollout von NFC-Smartphones und passender NFC-SIM-Karten. Mindestens genauso entscheidend ist es, einen langen Atem zu beweisen. Das fällt als Team in einer Kooperation mit Partnern, wie sie bei der girocard mobile zwischen den Volksbanken und Raiffeisenbanken, Telekom, Vodafone und Telefonica sehr gut funktioniert, leichter.

STANDARDS: Auch Apple, Samsung, Payback und Co. drängen auf den Markt. Wem trauen Sie am ehesten zu, Mobile Payment voranzubringen?

Eulgem: So wie in einem „normalen“ Portemonnaie unterschiedliche Bezahlverfahren Platz finden – also Bargeld, girocard und Kreditkarte –, werden sich auch beim digitalen Bezahlen unterschiedliche Lösungen etablieren. Langfristig erfolgreich werden aber nur die Anbieter sein, die den Kunden einen echten Vorteil bieten, Vertrauen genießen und entweder internationale Skalierung oder noch besser lokale Kompetenz mitbringen. Daher hat aus meiner Sicht eine Kooperation von girocard und den deutschen Mobilfunkanbietern gute Erfolgsaussichten.

Hönisch: Da gebe ich Herrn Eulgem Recht. Payment ist eine Netzwerkindustrie: Es geht um Reichweite! Girocard ist mit rund 100 Millionen Karten und knapp 800.000 Terminals hervorragend aufgestellt. Hier ist die Kooperation mit den Mobilfunkanbietern höchst sinnvoll, da sich die Kompetenzen ergänzen. Daneben sind die Erlöse für Payment-Lösungen gesunken. In gewisser Weise ist das ein Vorteil für die girocard, da wir mit fast drei Milliarden Transaktionen pro Jahr bereits über die nötigen Skaleneffekte verfügen. Zudem sind verschiedene Interessen beim deutschen Datenschutz versus „data as a ressource“ zusammenzubringen. Der Kunde vertraut zu Recht darauf, dass bei einer girocard-Zahlung der Datenschutz höchste Priorität hat und eben keine Bonitätsmerkmale dem Händler oder anderen Dienstleister bekannt werden.

Kilic: Und wir dürfen nicht vergessen: Auch die Lösungen der aufgeführten Unternehmen greifen alle auf das existierende Bankkonto des Kunden zu. Die girocard mobile ist hier aufgrund der Verbreitung der girocard sicherlich gut aufgestellt.

 

STANDARDS: Sie erwähnen die girocard mobile. Auf der diesjährigen CeBIT haben die Mobilfunkanbieter bewiesen, dass das Verfahren funktioniert. Aber was ist der Vorteil für Kunden und Händler gegenüber bisherigen mobilen Zahlverfahren?

Hönisch: Hier gibt es mehrere klare Vorteile: Das Verfahren ist anwenderfreundlich, da der Kunde auch dann bezahlen kann, wenn es keine Funkverbindung gibt und sogar, wenn der Strom zur Neige geht. Zudem nutzt girocard mobile den gewohnten Prozess der kontaktlosen Kartenzahlung: Davorhalten und fertig. Aus Sicht des Händlers sprechen Verfügbarkeit und Preis dafür. Der Implementierungsaufwand ist für ihn minimal und die girocard-Transaktionskosten sind extrem niedrig, denn das Händlerentgelt beträgt maximal 0,2 Prozent.

Eulgem: Und natürlich ist es für Kunden und Händler einfach, wenn das digitale Bezahlen auf Basis der bekannten und vertrauten girocard erfolgt: Genauso sicher, genauso einfach, aber noch besser, da smarter.

Kilic: Neben der hohen Bekanntheit und Akzeptanz bei Handel und Kunden kann die digitale girocard zudem um die erwähnten Mehrwertdienste wie Couponing & Loyalty ergänzt werden.

STANDARDS: Wann ist damit zu rechnen, dass Endkunden mit ihrer digitalen girocard via Smartphone bezahlen können?

Hönisch: Ende 2016 starten wir in Kassel einen ersten lokalen Test. Im kommenden Jahr werden weitere Piloten in ausgewählten Testregionen wie dem Schwarzwald und Dortmund folgen.

STANDARDS: Wie können Kunden die girocard mobile nutzen? 

Hönisch: Viele Mobilfunkkunden haben bereits eine NFC-fähige SIM-Karte. In diesem Fall kann die Bestellung der girocard mobile bei uns ganz einfach aus der VR-Banking App erfolgen. Ein Tausch der SIM-Karte ist dann nicht erforderlich. Die kryptografischen Daten der girocard werden über einen gesicherten Kanal auf die sichere SIM des Smartphones geladen. Da der Kunde bereits vollständig von seiner Bank legitimiert ist, kann der Registrierungsprozess extrem schlank sein.

Kilic: … was entscheidend ist bei der Kundenakzeptanz.

Eulgem: Ergänzend wird der Mobilfunkkunde auch in der MyWallet der Telekom darüber informiert, dass er die girocard mobile bestellen kann. Der Bestellprozess ist der gleiche. So bündeln wir unsere Vermarktungskraft. Und der Kunde kann zugleich je nach eigener Präferenz und Nutzungsszenario entscheiden, ob er aus der Banking App seiner Bank oder der Wallet seines Mobilfunkanbieters die girocard mobile nutzt. In der Wallet hat er den Vorteil, dass hier auch Kundenkarten und Rabatte liegen und beim Bezahlen direkt genutzt werden können.

STANDARDS: Und was müssen Händler tun, um mobile girocard-Zahlungen akzeptieren und verarbeiten zu können?

Hönisch: NFC ist hier sicherlich das Stichwort. Das heißt, Grundvoraussetzung ist die Umrüstung beziehungsweise das Vorliegen eines NFC-fähigen Bezahlterminals. Ab Ende 2016 werden die Terminals bei den Händlern auf girocard mobile vorbereitet. Jedes Terminal, das die girocard kontaktlos akzeptiert, beherrscht dann auch girocard mobile.

STANDARDS: Wird Mobile Payment sich allein durchsetzen oder muss die Mobile Wallet mehr leisten können?

Eulgem: Ich glaube nur begrenzt an zu spezifische Einzellösungen. So wie die Banken ihre heutigen Banking Apps durch mobile Payment ergänzen werden, so wird auch eine Mobile Wallet wie eine normale Brieftasche viele unterschiedliche Services aufnehmen, also neben Bezahlverfahren zum Beispiel auch Coupons, Kundenkarten, Mitglieds- und Zutrittsausweise. Zusätzlich ermöglicht es die Digitalisierung, auch Schlüssel digital abzulegen. Die Wallet ist dann Brieftasche und Schlüsselbund in einen. Last but not least kann und wird sich der Formfaktor ändern. Einige Funktionen der Wallet liegen dann nicht mehr im Smartphone, sondern zum Beispiel in Wearables. Warum sollten Sie Ihre Haustür nicht mit einem Ring oder Ihrer Uhr öffnen können, falls Sie Ihr Smartphone einmal ausnahmsweise nicht in der Hand halten?

STANDARDS: Wird Mobile Payment sich allein durchsetzen oder muss die Mobile Wallet mehr leisten können?

Eulgem: Ich glaube nur begrenzt an zu spezifische Einzellösungen. So wie die Banken ihre heutigen Banking Apps durch mobile Payment ergänzen werden, so wird auch eine Mobile Wallet wie eine normale Brieftasche viele unterschiedliche Services aufnehmen, also neben Bezahlverfahren zum Beispiel auch Coupons, Kundenkarten, Mitglieds- und Zutrittsausweise. Zusätzlich ermöglicht es die Digitalisierung, auch Schlüssel digital abzulegen. Die Wallet ist dann Brieftasche und Schlüsselbund in einen. Last but not least kann und wird sich der Formfaktor ändern. Einige Funktionen der Wallet liegen dann nicht mehr im Smartphone, sondern zum Beispiel in Wearables. Warum sollten Sie Ihre Haustür nicht mit einem Ring oder Ihrer Uhr öffnen können, falls Sie Ihr Smartphone einmal ausnahmsweise nicht in der Hand halten?

STANDARDS: Ist girocard mobile die Initialzündung, damit mobiles Bezahlen auch in Deutschland vom Verbraucher in der Breite akzeptiert wird? 

Eulgem: Definitiv sehen wir hier eine Lösung für den Massenmarkt. Lösungen, die auf Sondertechnologien oder zusätzliche Kontoanmeldungen setzen, werden es im Vergleich dazu schwer haben. Mobiles Bezahlen muss für Händler, Banken und Käufer einfach und hoch standardisiert sein. Da die girocard sehr viele Kunden hat, wird ihre digitale Variante für eine große Verbreitung des mobilen Bezahlens sorgen.

Hönisch: Auch von mir ein klares Ja! Neben den beschriebenen Vorteilen spricht dafür, dass sich die Beteiligten – also die Mobilfunkunternehmen und Banken mit ihren jeweiligen Kompetenzen – hervorragend ergänzen.

Kilic: Gerade bei der Kundenkommunikation hat die Zusammenarbeit der Banken und Mobilfunknetzbetreiber großes Potenzial, mobiles Bezahlen auch in der Breite zu etablieren. Unsere Mobile in Retail-Studie hat gezeigt, dass sich insbesondere der Handel die girocard mobile als Bezahllösung im Smartphone wünscht.

Fotos: GS1 Germany
GS1 Germany
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