Start-ups mischen die Logistikbranche auf. Erik Wirsing, Head of Innovation Schenker AG, sieht in den Newcomern mehr Chance als Bedrohung.
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Logistik  |  06.03.2017

„Viel Potenzial für beide Seiten“

Junge, innovative Unternehmen ohne harte Vermögenswerte krempeln die Logistikbranche um. Sie schieben sich zwischen Nachfrager und potenziellen Spediteur. Für Erik Wirsing, Head of Innovation Schenker AG, die die Marke und das Geschäftsfeld DB Schenker führt, sind die Newcomer dennoch eher eine Chance als eine Bedrohung. Die etablierten Anbieter könnten von Start-ups viel lernen – in Sachen Kundenorientierung, Technologie und Einstellung.

Erik Wirsing
Head of Innovation, Schenker AG

Herr Wirsing, junge Unternehmen, die lediglich eine Online-Plattform betreiben, drängen ins Transportgewerbe. Was kommt da auf die Speditionen zu?
Das ist ein Umbruch. Diese Newcomer konzentrieren sich auf die Koordination von Prozessen. Während traditionelle Speditionen oft noch analog arbeiten, operieren die Start-ups mit ihren digitalen Plattform-Lösungen direkt zwischen Nachfrager und potenziellen Frachtführern. Als Konsequenz könnten die großen Transport- und Logistikunternehmen an Bedeutung verlieren.


Welche weiteren Geschäftsmodelle gibt es?
Die Geschäftsmodelle sind zumeist Software as a Service (SaaS) und die oben erwähnten Plattformlösungen. Beispiele sind cloud services, Frachtenbörsen, Tracking-Lösungen, Telematik, Flottenmanagement und Ähnliches. Durch die Kombination einer bisher nicht gekannten Menge an Daten möchten die Start-ups die Effizienz und Transparenz des Geschäfts erhöhen und streben auch nach „Data as a Service“. Spannend wird es, wenn diese „Asset-light-start-ups“ sich mit kapitalintensiven Unternehmen zusammentun, wie etwa Uber und Otto beim autonomen Fahren.

Was sollten die etablierten Anbieter tun?
Sie müssen ihre Digitalisierung vorantreiben. In der Kooperation mit Start-ups steckt viel Potenzial für beide Seiten. Dabei ist eine Herausforderung für traditionelle Speditionen herauszufinden, welche Start-ups für sie von Interesse sind und welche Art der Zusammenarbeit zielführend ist.

Also sind Start-ups nicht nur eine Bedrohung?
Sie können auch eine Inspiration sein. Start-ups erlauben es zu lernen und den Kunden noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Denn die jungen Firmen stehen für agile Entwicklungsmethoden, neue Technologien und Kundenorientierung. Umgekehrt kann die Erfahrung der etablierten Anbieter den Neuen helfen, ihre Ideen in Mehrwert für ihre Kunden umzusetzen und diese zu skalieren.

Sie können auch eine Inspiration sein. Start-ups erlauben es zu lernen und den Kunden noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen.

In welchen Bereichen könnten Kooperationen sinnvoll sein?
Durch Kooperation können neue Geschäftsmodelle entstehen, die alle Verkehrsträger beflügeln. Daher ist für uns die Partnerschaft mit der Online-Frachtbörse uShip so wichtig. Überdies gibt es Kooperationspotenziale in der Entwicklung von Big-Data-Kompetenzen.

Wie sieht die Digitalisierungsstrategie von DB Schenker aus?

Wir haben eine Fülle an Projekten laufen in Bereichen wie Big Data, Automatisierung und Autonomisierung. Die neue Funktion eines Chief Digital Officer zeigt zudem, wie wichtig es für DB Schenker ist, diese Projekte nun gebündelt voranzutreiben. Seit Februar 2017 bieten wir im europäischen Landverkehr mit Drive4Schenker eine für den Kunden umfassende Plattform an. Außerdem haben wir eigene, schlagkräftige Abteilungen etabliert, die sich um digitale Lösungen und Massendaten kümmern.

Planen Sie ein Accelerator-Programm, das Schenker mit Start-ups und Investoren zusammenbringt?
DB Schenker nutzt zum Beispiel die DB mindbox. Hier haben bereits Pitches zu Logistikthemen und Hackathons für unsere Smartboxprodukte stattgefunden. Zudem gibt es den DB Schenker Award, bei dem Start-ups ihre Ideen kurz vorstellten und eine Jury vielversprechende Lösungen auszeichnet. Und dank der Zusammenarbeit der DB mit Hardware.co sowie Plug and Play kann DB Schenker weltweit mit Start-ups Kontakte knüpfen. Regional kooperieren wir mit dem House of Logistics and Mobility in Frankfurt.

Was verspricht sich Schenker von solchen Initiativen?

So bauen wir unser Wissen über die eigene Branche und die Zuliefererbranchen aus. Wir erfahren schneller und genauer, wer welche neue Technologie besitzt oder bereits existente Dienstleistungen verbessern kann. Überdies lernen wir die Ansätze, Methoden und Einstellungen der Start-ups kennen und finden innovative Zulieferer.

Wie lange dauert es noch, bis autonomes Fahren Realität wird?
Um sich dieser Thematik zu nähern und die Potenziale zu bewerten, plant DB Schenker zusammen mit MAN eine Pilotierung von Lkw-Platoons als Übergangstechnologie hin zum fahrerlosen Fahren. 2018 soll ein Lkw-Platoon auf dem digitalen Testfeld Autobahn auf der A 9 unterwegs sein. Jedoch müssen die Voraussetzungen für einen Standardeinsatz noch geschaffen werden und eine Realisierung des Konzeptes hängt maßgeblich von den rechtlichen Rahmenbedingungen ab. Daher ist ein Datum noch nicht absehbar.

Welche Trends versprechen in naher Zukunft einen echten Mehrwert?

Digitalisierung, Automatisierung und Autonomisierung geben den Takt vor. Kurzfristig werden alternative Antriebe eine wichtigere Rolle spielen. Technisch werden 3-D-Druck-konzepte ausgereifter werden und immer mehr in die Wertschöpfung des Produktionsgewerbes eingreifen und dadurch auch Supply-Chain-Konzepte neu definieren. Jegliche Form von Wearables wie zum Beispiel Virtual-Reality-Lösungen werden Schulungsaufwände drastisch reduzieren. Auch die Weiterentwicklung von Robotik-Lösungen wird die Logistik optimieren und durch intelligente datengetriebene Geschäftsmodelle miteinander als Gesamtsystem verzahnen.

Das ist ziemlich viel auf einmal. Sind Kooperationen deshalb so wichtig?
Über allem steht der Trend zu strategischen Kooperationen, um Entwicklungen schneller erkennen zu können und sich von seinen Marktbegleitern zu differenzieren. Hat die Logistik noch vor einigen Jahren ihren Mehrwert dadurch erbracht, in einem nicht transparenten Markt die richtigen Parteien zu einer optimalen Supply Chain zusammenzustellen, so gilt es heute, genau diese Transparenz für alle aktiv zu ermöglichen.


Bildquelle: Thomas Fedra
GS1 Germany
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