Frank Wiemer ist Mitglied des Vorstands der Rewe-Zentral AG und der Rewe-Zentralfinanz eG sowie stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats bei GS1 Germany.
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Stammdaten  |  09.03.2016

Komplexität und Dynamik wachsen überproportional

Frank Wiemer ist Mitglied des Vorstands der Rewe-Zentral AG und der Rewe-Zentralfinanz eG in Köln sowie neu ernannter stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats bei GS1 Germany. Im Gespräch mit dem Magazin Standards äußert er sich zu aktuellen Fragen, die Handel und Industrie derzeit bewegen.

STANDARDS: Herr Wiemer, Sie begleiten GS1 Germany bereits eine ganz Weile im Aufsichtsrat, sind jedoch jetzt neu in den stellvertretenden Vorsitz berufen worden. Was sind die wichtigsten Themen, die GS1 Germany in den nächsten Jahren anpacken sollte?

Frank Wiemer: Damit wir auch weiterhin den Kunden wegweisende Lösungen und Best Practices anbieten können, müssen wir unsere Rahmenbedingungen optimal ausgestalten. Aktuell sind wir gemeinsam mit der Geschäftsführung von GS1 Germany dabei zu eruieren, sowohl die internen als auch externen Arbeitsstrukturen neu auszurichten, um noch effizienter, klarer und verbunden mit einer stärkeren Verbindlichkeit aufgestellt zu sein. Neben der internen Neuausrichtung wollen wir vor allem auch in der Zusammenarbeit von Handel und Industrie einen deutlichen Schritt nach vorne machen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der konsequenten Verbesserung der Stammdatenqualität. Sämtlichen Geschäftsaktivitäten und -prozessen eines Unternehmens liegen Stammdaten zugrunde. Sie sind also die virtuellen Rohstoffe eines Unternehmens. Dabei bildet das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Daten eine essenzielle Voraussetzung, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Hierfür starten wir einen Data Quality-Piloten. Gemeinsam mit der Industrie und dem Handel wollen wir beweisen, dass es möglich ist, eine nahezu hundertprozentige Stammdatenqualität zu gewährleisten. Mit der Einführung des sogenannten Data Quality Gates wollen wir eine Art „Qualitäts-TÜV“ implementieren – mit dem Ziel, dass der Handel jeden Datensatz in Zukunft ungeprüft in seine Systeme übernehmen kann. Dies ermöglicht eine optimale und nachhaltige Datenqualität entlang der Wertschöpfungskette, es optimiert die Prozesse und spart letztlich nicht unerhebliche Kosten.

STANDARDS: Wirtschaftliches Handeln fußt zunehmend auf einem funktionierenden IT-Business. Wie ist es hier um die Stammdatenthematik oder auch IT-Security bestellt? Was brauchen wir in der IT, um ein weitgehend reibungsloses Zusammenspiel zwischen Industrie und Handel zu ermöglichen?

Frank Wiemer: IT-Security bedeutet zum einen, sicherzustellen, dass die ständig wachsenden Datenmengen korrekt und zeitnah verarbeitet werden. Dies erzielt man zum Beispiel durch sukzessive Erhöhung der Rechenkapazität. Zum anderen muss IT-Security unterbrechungsfreie Prozesse im Bereich der Markt- oder Kundenversorgung gewährleisten. Störungen im Datenfluss durch technische Fehler oder Manipulationsversuche können durch Integritätsprüfungen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit identifiziert werden, bevor sie Auswirkungen auf Warenversorgung oder Abrechnung erlangen können. Ein automatisierter Datenaustausch zwischen Handel und Industrie über Poollösungen oder Punkt-zu-Punkt-Verbindungen ist alternativlos, um die Prozesskosten bei stetig wachsendem Umfang und steigenden Qualitätsanforderungen an die Stammdaten im Griff zu behalten. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür ist eine weitere Standardisierung der Austauschformate von Stammdaten, was eine einfache Nutzung der Daten in den ERP- bzw. Warenwirtschaftssystemen von Industrie und Handel ermöglicht. Für kleinere Lieferanten müssen die Eintrittsbarrieren für den elektronischen Datenaustausch mit dem Handel durch vereinfachte Konzepte reduziert werden.

STANDARDS: Was sind aus Ihrer Sicht des ausgewiesenen Supply Chain-Experten die größten Herausforderungen für die Logistik?

Frank Wiemer: Die Welt verändert sich rasant. Die Logistik ist heute genauso von den Megatrends durch die demografischen Veränderungen, ein sich änderndes Bestell- und Konsumentenverhalten, schnell wachsenden E-Commerce oder stärkeren Klima- und Umweltschutz beeinflusst wie andere Branchen. Es gilt, trotz dieser Themenkomplexe gemeinsame Lösungen zu finden – sowohl zwischen den Teilnehmern entlang der logistischen Supply Chain als auch mit den Wettbewerbern. Komplexität und Dynamik bei den Waren- und Datenströmen wachsen überproportional. Das spiegelt sich insbesondere in den Anforderungen an die Informationstechnologie und im Umgang mit den steigenden Datenmengen wider. Diese vertausendfachen sich in der Logistik alle zehn Jahre. Investitionen in Breitband- und mobile Datennetze müssen zur Wettbewerbssicherung des Standorts und zur Sicherstellung eines schnellen und sicheren Datenaustauschs erhöht werden. Politik und Wirtschaft müssen Voraussetzungen schaffen und Maßnahmen ergreifen, um Innovationen zu ermöglichen.

"Stammdaten sind die virtuellen Rohstoffe eines Unternehmens."

Frank Wiemer, Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender GS1 Germany

STANDARDS: Welche Bedeutung hat der Faktor „funktionierende Verkehrsinfrastruktur“ für den Handel? In der Region Köln ist es beispielsweise die Leverkusener Brücke, die der Handelslogistik das Leben schwer macht. Gibt es weitere Hemmnisse dieses Ausmaßes in Deutschland?

Frank Wiemer: Die Leverkusener Brücke ist ein Symbolbild für die marode Verkehrsinfrastruktur. Das Ausmaß ist verheerend. Allein in Bayern müssen in näherer Zukunft rund 1.200 Brücken instand gesetzt werden. Pkw- und Lkw-Fahrer zahlen unter anderem über die Mineralölsteuer in Summe 62 Milliarden Euro pro Jahr in die Staatskasse ein. Für 2016 sind 

12,3 Milliarden Euro Infrastrukturinvestitionen bundesweit geplant. Schätzungsweise 22 Milliarden Euro wären angemessen, um Rückstand, aktuellen Bedarf und zukünftige Entwicklung abdecken zu können. Laut einer BVL-Umfrage von 2012 unter 200 deutschen Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung hängt die zukünftige Geschäftsentwicklung für gut 90 Prozent der Unternehmen direkt von der Qualität der Infrastruktur ab. Für rund 45 Prozent der Befragten ist das Straßennetz der bedeutendste Faktor für ihre Geschäftsentwicklung. Zeitverluste durch Staus in Deutschland kosten heute schon 250 Millionen Euro pro Tag. Dabei ist eine funktionierende Infrastruktur für den Wirtschafts- und Logistikstandort Deutschland sehr wichtig, denn schließlich sichert die Infrastruktur unser aller Wohlstand. Dazu eine beeindruckende Zahl, die das verdeutlicht: Je investierter Milliarde Euro werden mehr als 20.000 Arbeitsplätze geschaffen.

STANDARDS: Gibt es noch eine wichtige Botschaft, die Sie allen Kunden von GS1 Germany und damit den Lesern des Magazins Standards mit auf den Weg geben möchten?

Frank Wiemer: Das Bessere ist bekanntlich der Feind des Guten. Das gilt uneingeschränkt auch für Unternehmens- und Logistikprozesse. Noch vor Jahren wurden wir belächelt, wenn wir auf die Bedeutung zuverlässiger und übergreifender Stammdaten hingewiesen haben. Heute wissen wir, dass die Wettbewerbsfähigkeit eines jeden Unternehmens, aber auch ganzer Branchen auf dem Spiel steht. Erfolgreicher E-Commerce ist nur möglich, wenn die Prozesse und Daten zuverlässig und auf höchstem technischen Niveau sind. Und noch eine Botschaft: Die skizzierten Herausforderungen und Veränderungen werden wir nur meistern, wenn wir, da wo erforderlich, konsequent zusammenarbeiten. Die Zeit der reinen Unternehmensegoismen muss vorbei sein. Ansonsten bekommen wir dafür bald die Quittung.

Fotos: GS1 Germany
GS1 Germany
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