Mensch und Maschine arbeiten immer enger zusammen. Wie das unseren Alltag verändern wird, verrät David Bosshart, Experte für künstliche Intelligenz.
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ECR Tag 2017  |  07.06.2017

"Eine Maschine bleibt eine Maschine"

Unter den zahlreichen prominenten Referenten beim ECR Tag 2017 ist David Bosshart wohl einer der visionärsten. Im Interview mit dem Handelsjournal spricht der Philosoph und Experte für künstliche Intelligenz über das künftige Verhältnis von Menschen und Maschinen in Logistik und Handel.

Steckbrief:

Dr. David Bosshart ist CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft. Der promovierte Philosoph ist Autor zahlreicher internationaler Publikationen und weltweit tätiger Referent. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Zukunft des Konsums, der gesellschaftliche Wandel, Digitalisierung (Mensch-Maschine), Management und Kultur sowie Globalisierung und politische Philosophie.

Herr Bosshart, wie wird die fortschreitende Entwicklung der künstlichen Intelligenz das Verhältnis des Menschen zu den von ihm ersonnenen Maschinen verändern?
Wenn wir es gut machen: zum Wohle aller. Denn künstliche Intelligenz heißt vor allem Einlösung von Effizienzversprechen. Dank exponentiell wachsender Datenmenge können wir Muster besser erkennen; Sicherheit und Exaktheit bei Entscheidungen verbessern sich. Gleichzeitig bleibt auch eine immer komplexere Maschine eine Maschine. Die Menschen werden sich bewusst, was menschlich wirklich heißt: emotionale Vielfalt, soziale Spiele – wir ergänzen uns zur Maschine immer besser, weil wir Schritt für Schritt voneinander lernen. Komplementarität, nicht Wettbewerb ist der richtige Ansatz.Sie glauben, dass Menschen beim Einkauf zunehmend Regeneration und romantische Erfahrungen suchen und Handwerkliches gegenüber dem Hyperindustriellen in der Gunst gewinnt.

Was heißt das für Händler in Bezug auf den Einsatz digitaler Technologien?
Das Digitale bietet unglaubliche Chancen, unseren Alltag zu vereinfachen und alles, was mit Convenience zu tun hat, perfekter denn je umzusetzen: Bezahlsysteme, Liefersysteme – die Grenze liegt in unserem Vorstellungsvermögen. Gleichzeitig werden die Bedürfnisse nach neuen Freizeitmöglichkeiten zunehmen, die weitgehend romantisch motiviert sind und nur sehr bedingt algorithmisiert werden können: das haptische Gefühl, das richtige Fleischmesser in der Hand zu halten, die angemessene menschliche Berührung bei der Begrüßung, das freundliche Augenzwinkern bei der Serviceberatung.

Wie wird sich die Arbeitswelt des Handels verändern, wenn Mensch und Maschine künftig als Kollegen miteinander arbeiten?
Die richtige Einstellung vorausgesetzt, lernen wir Menschen uns immer besser selbst kennen. Dank Effizienzgewinnen haben wir mehr Zeit, uns den sich rasch wandelnden Kundenbedürfnissen zu widmen. Es entstehen neue Bedürfnisse, von denen wir heute noch gar keine Ahnung haben. Daher ist es wichtig, dass wir Kreativität und Vorstellungsvermögen weiterentwickeln. Im Handel werden die Servicekomponenten immer wichtiger – nicht nur Fachwissen zählt, sondern mit einer Kombination aus Intuition und Lust, Menschen zu neuen Erlebnissen zu verhelfen. Die Maschine kann Coupons und Rabattmarken ausdrucken, aber mich nicht mit charmantem Witz verführen.
Big Data hat das Potenzial, das Leben der Konsumenten durch individualisierte Ansprache, Produkte und Dienstleistungen einfacher und entspannter zu machen.

Welche Vorteile und welche Gefahren sehen Sie?
Wir werden immer mehr wir selbst – wir leben in Peer-Gruppen und unter unseresgleichen. Was schon da war, verstärkt sich. Schön, bequem, aber auch etwas gefährlich. Das kann dazu führen, dass statt Kreativität vor allem die Suche nach Selbstbestätigung zunimmt: Ich höre immer die gleiche Musik und die gleichen Geschichten mit immer den gleichen Freunden – endlos variiert.

Wie müssen Handels- und Logistikunternehmen aufgestellt sein, um den mit der Implementierung von künstlicher Intelligenz in die Prozesse verbundenen Wandel zu meistern?
Logistikinnovationen werden den Handel in den nächsten Jahren am meisten prägen: wie welche Ware und vielmehr noch welche Erlebnisse zum Kunden kommen – ob über, auf oder unter der Erde, durch Luftkorridore vertikal oder horizontal, oder eben durch KI-unterstützte Clouds. Über welche Schnittstellen wir den Zugang zum Kunden definieren ist das Nadelöhr und wird entscheidend für Profitabilität und Marge. Wir gehen von einer 2D-Welt der Straßen und Schienen in eine 3D-Welt hinüber, die von den virtuellen Schnittstellen her definiert wird.

Bildquelle: GDI Gottlieb Duttweiler Institut
GS1 Germany
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