Auf dem Handelslogistikkongress Log 2017 vom 28. bis 29. März in Köln trifft sich die Branche und diskutiert über aktuelle Herausforderungen.
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Log 2017  |  06.03.2017

Herausforderungen in der Handelslogistik

Die Logistik bewegt sich im Spannungsfeld von E-Commerce, Gesetzgebung und Nachhaltigkeit. Das zunehmende Transportaufkommen und steigende Kosten zwingen die Branchen an vielen Stellen zum Umdenken. Prozesse müssen flexibler werden – das gelingt oftmals nur mithilfe von Standards. Auf dem Handelslogistikkongress Log 2017 vom 28. bis 29. März in Köln diskutieren Experten über aktuelle Herausforderungen und Lösungen. STANDARDS stellt einige Themen vor.

Weniger ist mehr: Mehrweg-Transportverpackungen für die Handelsbelieferung

So sieht heute der Weg der Waren zu den Handelsunternehmen aus: Die Hersteller verpacken sie in Sekundär- und Tertiärverpackungen aus Karton und Plastik, transportieren sie auf Paletten ins Zentrallager. Dort werden sie abgeladen, ausgepackt und in die Mehrweg-Transportverpackungen (MTV) des jeweiligen Handelsunternehmens umverteilt. Dieses Vorgehen führt zu einem hohen Prozess- und Entsorgungsaufwand.

Um den Beweis anzutreten, dass sich ein unternehmensübergreifendes standardisiertes Mehrweg-Transportsystem zur Handelsbelieferung auszahlen würde, haben sich Vertreter aus Industrie und Handel unter dem Dach von GS1 Germany für ein Pilotprojekt zusammengetan. Beiersdorf, Cosnova, Henkel, L’Oréal, Procter & Gamble, Unilever, dm-drogerie markt, Edeka, Galeria Kaufhof, Karstadt, Müller, real und Rossmann engagieren sich gemeinsam für eine Lösung. Denn die Vorteile eines einheitlichen Systems liegen auf der Hand: verschlankte Prozesse, geringere Kosten und Verpackungsmüll sowie weniger CO²-Ausstoß, hoher Automatisierungsgrad entlang der gesamten Lieferkette, optimale Auslastung von Paletten und Laderaum.

Darüber hinaus können Mehrweg-Transportbehälter durch den Einsatz von GS1 Standards als Informationsträger für Daten dienen, die in Echtzeit zur Verfügung ständen. Im Rahmen einer Prozesskostenanalyse wurde das Einsparpotenzial eines solchen MTV-Systems ermittelt. Zunächst wurden 16 langsam drehende Artikel aus dem Drogeriesortiment getestet, davon wurde bei sieben die Lieferung drei Monate lang zwischen  Hersteller- und zentralem Handelslager durchgeführt. Im Einsatz waren mehr als 6.000 Behälter. Nach den Berechnungen konnten die Prozesskosten für die jeweilige Primärverpackung bei den betrachteten Kosten um 20 Prozent verringert werden.

In der nächsten Projektphase wurden unterschiedliche Betreibermodelle mit dem Ziel betrachtet, ein effizientes Ladungsträgermanagement zu erreichen. MTV-Anbieter stellten erste Behälterkonzepte vor. Die daraus entwickelten Prototypen werden im März zur Verfügung stehen und anschließend getestet.


Einfacher mit Standards: Pflicht zum Nachhaltigkeitsbericht

Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen rückt immer mehr in den Fokus. Dabei geht es um Umwelt-, Sozial- und Arbeitnehmerthemen, Achtung der Menschenrechte, Anti-Korruption und Antidiskriminierung (Diversity). Einige Firmen veröffentlichen schon seit geraumer Zeit Nachhaltigkeitsberichte, in denen sie über ihr Engagement rund um die sogenannte Corporate Social Responsibility (CSR) informieren. Zu wenige befand die EU-Kommission und legte eine Gesetzesvorlage zur Nachhaltigkeitsberichtspflicht vor, die auf Länderebene umgesetzt wird.

Nach dem neuen Gesetz sind ab dem Geschäftsjahr 2017 alle börsennotierten Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern und einem Nettoumsatz über 40 Millionen Euro sowie Firmen, die im öffentlichen Interesse stehen, dazu verpflichtet, einen Nachhaltigkeitsbericht zu veröffentlichen. Für sie stellt sich nun die Frage, was die Regelung konkret für sie bedeutet. Betroffen sind nämlich auch alle Geschäftspartner entlang der Supply Chain, weil sie Informationen für die gesetzlich verpflichteten Unternehmen zur Verfügung stellen müssen. Für die Datenerfassung gibt es bisher noch keine Standards, das heißt, die Datenabfrage erfolgt mithilfe individueller Fragebögen – ein enormer Zeitaufwand für die geforderten Lieferanten, Partner und Dienstleister.

Um frühzeitig mit der Standardisierung zu beginnen und potenzielle Auswirkungen abzuschätzen, startete GS1 Germany ein Projekt, das schon viele Unterstützer gefunden hat: Edeka Südwest, dm-drogerie Markt, Rewe Group, Nestlé Deutschland, Henkel, Tetra Pak, Procter & Gamble sowie McDonald’s Deutschland. Ziel ist es, einheitliche Kriterien für die zu erfassenden Daten festzulegen und deren Austausch aufgrund von GS1 Standards zu ermöglichen und damit stark zu vereinfachen. Bis Ende des Jahres soll es inklusive Referenz-anwendungen abgeschlossen sein. 


Zeit zum Anpacken: Verpackung im E-Commerce

Der Online-Handel boomt. Und damit steigt der Verpackungsabfall. Im Jahr 2014 fielen davon in Deutschland insgesamt 17,8 Millionen Tonnen an. Das führt nicht nur zu überfüllten Mülltonnen, sondern auch zu hohen Material- und Logistikkosten bei den Händlern. An dieser Stellschraube will die Branche nun drehen. Eine Studie des Verpackungsherstellers STI Group kam zu dem Ergebnis, dass bereits größenvariable, standardisierte Transportverpackungen rund 60 Prozent Kosten einsparen können.

Nachhaltiger kann es durch Mehrwegverpackungen werden. Ein gutes Vorbild: der gute alte Mineralwasserkasten. Die einheitliche Mehrwegverpackung ist robust, wiederverwendbar, leicht zu stapeln und für fast alle Marken nutzbar. So erleichtert sie die Logistikprozesse und die Rückgabe durch den Verbraucher. Abfallvermeidung und die Verbesserung der CO²-Bilanz – unternehmensübergreifende Standards machen es möglich. Auch der Lebensmittel-Online-Handel, der besondere Anforderungen an die Sicherheit und Frische stellt, würde profitieren. Laut Marktforschungsinstitut GfK soll sich dessen Anteil am gesamten Online-Umsatz bis 2025 auf 16 Prozent verdoppeln. Standardisierte Mehrwegverpackungen könnten auch das Abfallaufkommen drastisch reduzieren, wären für jeden Händler nutzbar und ließen sich platzsparend stapeln.

Angesichts des zunehmenden Transportaufkommens sollten effiziente Prozesse das Verpackungsmarketing in den Hintergrund treten lassen. Doch ließen sich auch Standardverpackungen individualisieren. Die Technologien hierfür sind bereits verfügbar. Beispielsweise werden jetzt schon Sensorikdaten mit transportiert. Durch einheitliche Standards entlang der gesamten Lieferkette könnte der Online-Handel wesentlich wirtschaftlicher und nachhaltiger sein als heute.


Praktisch für alle: Normung für Paketkasten

Der E-Commerce wächst weiter im zweistelligen Prozentbereich, aber ein Problem ist bislang nicht gelöst: die reibungslose Paketzustellung. Da eine Zweitzustellung zu erheblichen Einbußen in der Profitabilität führt, sieht die Branche Handlungsbedarf. Ein Lösungsansatz sind Paketboxen. Diese hatten bisher einzelne Kurier-Express-Paket-Dienstleister (KEP) angeboten – zur jeweils exklusiven Nutzung. Anbieterunabhängige Kästen hingegen hatten mit mangelnder Akzeptanz durch Kunden und Transportdienstleister zu kämpfen.

Auch durch die Initiative zur Anwendung von GS1 Standards in der KEP-Branche vom Bund der KEP-Dienste und GS1 Germany hat sich eine Expertenrunde mit 30 Vertretern der Transport- und Logistikbranche unter dem Dach des Deutschen Instituts für Normung zum Thema „Nutzer-offene Übergabeeinheit“ (NoÜ) formiert. Gemeinsames Ziel: die Schaffung einheitlicher Standards für NoÜ in Deutschland auf Basis der bestehenden Lösungen, die unternehmensübergreifend von allen KEP-Dienstleistern genutzt werden könnten.

Eine DIN SPEC soll die Mindestanforderungen an eine NoÜ umschreiben, wie Öffnungs- und Schließmechanismen, Eigentumsverhältnisse, Zugriffsrechte, Versand, Retourenprozesse, Service- und Wartungsangelegenheiten sowie Fragestellungen zur eindeutigen Identifikation. Für die Identifikation soll ein ISO-Standard zum Einsatz kommen. Zu diesem gehört auch der von GS1 Germany empfohlene Global Returnable Asset Identifier (GRAI). Er ist bereits weit verbreitet und kann auch via Scanning in den Zustellprozess eingebunden werden.


Verified Gross Mass: Neues Gesetz schlägt hohe Wellen

Falsche Gewichtsangaben bei übergewichtigen Containern in der Seefrachtbranche waren in der Vergangenheit häufig die Ursache für gefährliche Zwischenfälle oder Unfälle auf See. Um die Sicherheit und Qualität der Transporte für alle zu erhöhen, die an der Lieferkette beteiligt sind, hat die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) reagiert. Gemeinsam mit der Schifffahrtsbranche hat sie Änderungen am SOLAS-Abkommen (Safety of Life at Sea) durchgesetzt und ein zertifiziertes Containergewicht eingeführt – das sogenannte Verified Gross Mass (VGM).

Seit Juli 2016 dürfen Reedereien deshalb weltweit nur noch Container auf ihre Schiffe laden, wenn vorher das VGM übermittelt wurde. Zum VGM zählen das Frachtgewicht, das Ladematerial wie Paletten oder Skids, Stau- und Sicherungsmaterial sowie das Container-Leergewicht. Die neue Regel sorgt in der Branche für Unruhe, weil nun jeder fertig gestaute Container gewogen und das Gesamtgewicht an den Reeder gemeldet werden muss, bevor dieser beim Terminal angeliefert wird. Verantwortlich dafür ist der Verlader, der als solcher auch auf dem Seefrachtbrief angegeben ist. Er haftet für die korrekte Angabe des Containergewichts. Ohne gemeldetes VGM hat der Reeder das Recht, den Container abzulehnen.

Für die Übermittlung der Gewichtsangaben haben Reeder unterschiedliche Plattformen geschaffen. Zum Teil erfolgt sie auch in Excel-Listen per E-Mail. Um die Prozesse zu vereinfachen und manuelle Erfassungsaufwände zu vermeiden, hat GS1 Germany das Thema aufgegriffen. Ziel ist, die VGM-Information in die bestehenden EDI-Prozesse einzubinden. Ein anderer  Ansatz ist die Erweiterung des GS1 Transportauftrags IFTMIN um die VGM-Information.


Endlich einheitlich: elektronischer Palettenschein

Logistische Prozesse sind heute noch stark durch eine manuelle Dokumentation geprägt – die Digitalisierung steckt noch in den Kinderschuhen. Beispiel Palettenschein: Warenempfänger setzen ihn ein, wenn der Tauschvorgang nicht erfolgt. Der Besitzer kann den Schein später beim Schuldner einlösen. Dafür werden auch Dienstleister eingesetzt. Der Nachteil: Bisher sah jeder Palettenschein anders aus, was den manuellen Abgleich beim Eintausch erheblich erschwerte.

Jetzt hat bei GS1 Germany eine Projektgruppe aus Handel, Industrie und Logistikdienstleistern – darunter Dachser, Epal, Metro, Henkel, Paki, Rewe und Schenker – das Thema aufgegriffen und ein einheitliches Layout auf den Weg gebracht. Das Ergebnis: ein standardisierter Palettenschein zur späteren Einlösung beim Herausgeber. Künftig sollte jeder Palettenschein auf Basis von globalen Standards serialisiert werden.

Der angehende Standard sorgt nicht nur für Einheitlichkeit, sondern schützt auch vor Fälschungen. Die Identifikationsnummer soll in einem GS1 DataMatrix auf den Schein gedruckt werden – das ist der Schlüssel für den elektronischen Austausch. Derzeit wird die Lösung bereits bei einigen Teilnehmern beispielhaft implementiert.


Bildquellen: Adobe Stock, DPDHL
GS1 Germany
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