Mehr Effizienz, Transparenz und Sicherheit sind Schlagworte, die im Zusammenhang mit Blockchain oftmals fallen.
Teilen Sie unseren Beitrag
Blockchain  |  12.12.2017

Zwischen Hype und Wirklichkeit

Erobert Blockchain die Welt? Das Potenzial wird der Datenbank-Technologie jedenfalls zugeschrieben. Sie hat die Finanzwelt bereits umgekrempelt, auch auf andere Branchen könnte Blockchain diese Wirkung haben – theoretisch. Doch wie sieht es in der Anwendung aus? Blockchain: Allheilmittel oder nur Blendwerk?

Das Rätsel um Satoshi Nakamoto

Satoshi Nakamoto ist ein Pseudonym und hat in der Übersetzung zwei Bedeutungen: Weisheit oder Grund. Seine wahre Identität bleibt bis heute rätselhaft, auch wenn es genügend Spekulationen gibt: Vom Kryptografie-Studenten Michael Clear in Dublin über den Finnen Vili Lehdonvirta, einem Wirtschaftssoziologen und Spieleentwickler, einem pensionierten Ingenieur aus Kalifornien bis hin zum australischen Computerfachmann Craig Seven Wright, der 2016 selbst behauptete, Nakamoto zu sein. Zweifel daran bleiben aber bis heute bestehen. Als Erfinder des gesamten Bitcoin-Netzwerks wird das Vermögen Nakamotos auf über eine Milliarde US-Dollar geschätzt. 2011 verabschiedete er sich aus der Community – er wolle sich nun anderen Dingen widmen.

Ende 2008 – inmitten der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise – veröffentlichte Satoshi Nakamoto über eine verschlüsselte E-Mail-Adresse ein Whitepaper mit dem Titel „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“ – die Geburtsstunde der Kryptowährung Bitcoin. Keineswegs der erste Versuch, digitales Geld zu schaffen und zu etablieren. Warum sich aber gerade diese Währung durchsetzen konnte und zur Erfolgsgeschichte wurde, liegt in der Technologie begründet, über die Bitcoin bis heute abgewickelt wird: Blockchain.

Das vollkommen Neuartige an Blockchain war, dass die Technologie keinen Intermediär mehr benötigt, um online Transaktionen von digitalen Werten zwischen zwei (oder mehr) Partnern abzuwickeln. Denn genau daran scheiterten die Vorgänger-Kryptowährungen. Das Problem des sogenannten Double Spendings – die nicht zu begrenzende Vervielfältigung von digitalen Werten – ließ sich nicht ohne den Einsatz einer zentralen Autorität lösen. Doch Nakamoto gelang es, mit Blockchain eine Technologie zu entwickeln, die Transaktionen von digitalen Werten peerto- peer möglich macht.

Blockchain ist wie ein Kassenbuch, in das jede Transaktion eingetragen wird. Die Transaktion wird in einem Block zusammengefasst. Transaktion schließt an Transaktion an, Block an Block. So entsteht eine Kette von Blöcken: die Blockchain. Jeder Block beinhaltet zusätzlich die Prüfsumme des Vorgängerblocks (Hash- Wert), einen Zeitstempel und eine zufällig gewählte Zeichenkette. So lässt sich anhand eines jeden Blocks die komplette Transaktionshistorie bis zu diesem Block nachvollziehen.

Die einzelnen Blöcke werden nicht auf einem einzelnen Server gespeichert. Jeder Teilnehmer des Netzwerks besitzt eine vollständige Kopie der gesamten Blockchain. Somit ist Blockchain zunächst einmal nichts anderes als eine dezentrale Datenbanktechnologie, die es den einzelnen Teilnehmern ermöglicht, alle Transaktionen lokal für sich selbst zu validieren – eben ohne die Aufsicht eines Intermediärs.

Das Netzwerk kontrolliert sich über eine gigantische Rechnerleistung gegenseitig. Das Abspeichern aller Daten auf allen am Netzwerk beteiligten Servern macht die Blockchain nahezu manipulations- und fälschungssicher.

Von der Theorie in die Praxis

GS1 Germany prüft Blockchain auf Herz und Nieren im Rahmen eines Pilotprojektes. Mehr dazu, lesen Sie hier.

Der Erfolg von Bitcoin und Blockchain beflügelt nun schon seit geraumer Zeit die Fantasien, in welchen Branchen die Technologie noch eingesetzt werden könnte. Mehr Effizienz, Transparenz und Sicherheit sind Schlagworte, die im Zusammenhang damit oftmals fallen. Gerade in Bezug auf das Supply Chain Management sind so einige Szenarien vorstellbar – etwa im Bereich der Logistik. Die Voraussetzung: Bislang analoge Prozesse müssten gleichzeitig digitalisiert werden, um Blockchain überhaupt integrieren zu können.

Blockchain: pro und contra

Vorteile:

  • Hohe Manipulationshürden: Unveränderbarkeit enthaltener Daten
  • Transparenz: Alle Informationen stehen allen Beteiligten zur Verfügung
  • Intermediär als Kontrollinstanz überflüssig
  • Haltbarkeit: Daten sind unvergänglich
  • Autorisierter Zugang durch Verschlüsselung (Kryptografie) möglich

Nachteile:

  • Bislang kaum individuelle Skalierbarkeit
  • Hohe Speicherkapazität nötig, hohe Energiekosten
  • Geringer Datendurchsatz
  • Schwer zu verwaltende Berechtigungen
  • Schwierige Integration in bestehende Systeme in Unternehmen

Als ein Beispiel ist hier der Palettenschein zu nennen. Palettenscheine auf Papier gehören heute noch zum Tagesgeschäft eines jeden Lkw- Fahrers. Warenempfänger setzen diesen ein, wenn der Palettentausch nicht direkt erfolgt. Der Besitzer kann den Schein später beim Schuldner einlösen. Dafür werden auch Dienstleister engagiert. Logistische Prozesse sind dementsprechend stark von manueller Dokumentation geprägt. Um den Schein in eine Blockchain zu integrieren, müsste dieser zunächst digitalisiert werden – eine Herausforderung für die Branche. Ähnliche Beispiele finden sich in der Frachtlogistik wie etwa das „Bill of lading“. Der Schifffrachtbrief, der gleichzeitig ein Warenwertpapier darstellt, wird bis heute analog und über die Weltmeere hinweg ausgetauscht. Wer also von Logistik 4.0 mit Blockchain sprechen will, muss sich zunächst Gedanken über Logistik 2.0 und 3.0 machen – das sind digitale Quantensprünge. Die Anwendungsmöglichkeiten sind jedoch mannigfaltig. Denn letztlich kann in einer Blockchain alles abgelegt werden, das in 40 Bytes passt.

GS1 Global, IBM und Microsoft setzen Standards für Blockchain-Anwendungen

Die globalen Standards von GS1 ermöglichen, von Blockchain- Netzwerken gespeicherte Daten für eine gemeinsame Kommunikation und Interoperabilität zu strukturieren. Eine einheitliche Datenversion fördert die Datenintegrität und das Vertrauen zwischen den Akteuren. Gleichzeitig sinkt das Risiko von Datenduplikaten. Davon sind auch IBM und Microsoft überzeugt. In Kooperation mit GS1 wollen sie GS1 Standards in ihren Enterprise-Blockchain-Anwendungen für Supply Chain-Kunden einsetzen.

Auch wenn eine Information innerhalb der Blockchain sicher ist und nicht mehr nachträglich verändert oder manipuliert werden kann, so hat die Basistechnologie auf eine grundlegende Frage keine Antwort: Wer validiert die Ursprungsinformation? Gerade in Bezug auf die Rückverfolgbarkeit von vor allem Lebensmitteln ist die Validierung von Herkunftsdaten elementar. Kommt das Steak tatsächlich aus Argentinien? Sind die Tomaten wirklich bio? Doch dies kann Blockchain nicht leisten – die Technologie stellt lediglich sicher, dass eine Information (ob richtig oder falsch) unverändert in der Datenkette weitertransportiert wird. Und wahr ist das, was die Mehrheit der an der Blockchain Beteiligten als wahr verifiziert. Berater und IT-Dienstleister erhoffen sich durch die Dezentralität und das damit verbundene Wissen aller über alles einen Vertrauensschub, der Lebensmittelketten sicherer macht. Doch Vertrauen lässt sich durch den Einsatz einer neuen Technologie allein nicht generieren. Problematisch bleibt auch die Vollständigkeit von Produktdaten – nach wie vor eine Herausforderung bei der Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln. Auch hier stellt Blockchain keine Lösung dar.

Weitere Informationen

Weitere Informationen

Mehr Informationen rund um Blockchain gibt es auf der Website von GS1 Germany.

Fragen und Antworten zum Thema finden sich außerdem hier.

Es ist also richtig, sich auch kritisch mit dem Hype um Blockchain auseinanderzusetzen. Die neue Technologie eröffnet viele neue und auch verführerische Möglichkeiten, Prozesse zu automatisieren. Eine Antwort auf alle gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen ist sie jedoch nicht. Blockchain ist kein Selbstzweck. Und so stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit, warum lange ausgehandelte, bewährte und funktionierende Systeme durch Blockchain komplett abgelöst werden sollten.

Aus technologischer Perspektive kann Blockchain mit der Entwicklung des Internets verglichen werden. Demnach würde Blockchain noch fünf bis zehn Jahre benötigen, um auf den Stand des heutigen Internets zu gelangen, das gegenwärtig jeden und alles global der Informationen könnte so ein Internet der Werte entstehen, über das jeder mit jedem global Geschäfte und Transaktionen direkt und ohne Mittelsmann abwickeln kann – weit über die Kryptowährung Bitcoin hinaus. 1993 attestierte Microsoft-Lichtgestalt Bill Gates, dass das Internet nur ein Hype sei. Heute ist klar, mit dieser Bewertung lag Gates spektakulär falsch. In der Theorie ist vieles möglich, in der Praxis muss Blockchain zunächst nun den Beweis antreten, ob aus dem Hype tatsächlich Wirklichkeit wird. Das Potenzial zur Revolution von zentralen zu dezentralen Ordnungsformen in der Wirtschaft scheint die Technologie zu haben, auch wenn es hierfür zunächst eines gesellschaftlichen Umdenkens bedarf. Solche disruptiven Veränderungen stellen sich zudem nicht per Fingerschnipp ein, sie folgen einem eher evolutionären Prozess – in Wirtschaft und Gesellschaft.

Bildhinweis: GS1 Germany GmbH
Einen Inhalt suchen
Anzeige