Simpel und sicher: Mit der Nahfeldkommunikation steigt die Attraktivität des Mobile Payment.
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Mobile Payment  |  13.03.2015

Zeit zum Aufbruch

Noch nie waren die Voraussetzungen für eine breite Akzeptanz des Smartphones als Geldbörse so günstig wie heute. Die Technik ist da, die Handhabung simpel und die Sicherheit gewährleistet.

Wie bezahlen wir in Zukunft? Mit dem Smartphone? Vielleicht auch mit der Armbanduhr oder einem anderen technischen Utensil, das wir jederzeit bei uns tragen? Auf jeden Fall bezahlen wir vor Ort – überall und alles. Denn Mobile Payment ist der Schlüssel, mit dem Industrie und Handel die Tür zu neuen Märkten öffnen. Streng genommen ist auch Bargeld eine Spielart des mobilen Bezahlens, aber eben nicht so facetten- und chancenreich. Nachdem seit Jahren der Siegeszug des Mobile Payment verkündet wird, der Verbreitungsgrad aber stets winzig geblieben ist, gerät das Umfeld jetzt mächtig in Bewegung. 

Impuls aus Cupertino

Ein wichtiger Impuls dazu könnte sich am 9. September 2014 im kalifornischen Cu­pertino ereignet haben. An diesem Tag stellte Apple das neue iPhone6 (plus) inklusive Bezahldienst ApplePay vor. Die ersten Zahlen aus den USA sind beeindruckend: Im letzten Quartal 2014 setzte die Marke mit dem Apfel 74 Millionen iPhones ab. Und ApplePay kooperiert bereits mit 750 Kreditinstituten. Um den Bezahldienst zu nutzen, muss der iPhone6-Nutzer nur eine Kredit- oder Debitkarte in der Apple-App Passbook hinterlegen. Das geht durch Abfotografieren der Karte mit der eingebauten Kamera. Bei der Technik setzt der Konzern auf Bewährtes: die Nahfeldkommunikation (NFC). Zum Bezahlen ruft der Nutzer die Funktion in seinem iPhone auf und hält sein Smartphone an das NFC-Gerät des Verkäufers. Die Bestätigung erfolgt via Fingerabdruck, der auf dem Handy hinterlegt ist. Das war's.

Andere Ausgangslage in Deutschland

ApplePay ist bisher nur in den USA verfügbar. Beobachter erwarten aber den Eintritt auch in den europäischen Markt. „Die Magie des Apfels“, schreibt Horst Rüter, Leiter Konferenzen beim EHI Retail Institut, „zeigt hierzulande bereits Wirkung und lässt vermuten, dass die Einführung von ApplePay (…) nicht allzu lange auf sich warten lassen dürfte.“ Indes ist die Ausgangslage hierzulande anders. In Deutschland ist nur jedes fünfte Handy ein iPhone. Und ApplePay läuft nur auf einem Apple-Produkt. 

Gleichwohl verändert sich auch in Deutschland das Bezahlverhalten der Konsumenten radikal. Dies ergab eine Umfrage von KPMG und dem Institut für Handelsforschung (IFH). Zwar würden derzeit in Deutschland nur 15 Prozent der Kunden mobile Zahlungsmethoden nutzen. Indes seien 42 Prozent bereit, dies zukünftig zu tun. Mark Sievers, Head of Consumer Markets bei KPMG, ist sicher: „Bisher Unentschlossene werden sich dem Thema mit steigender Verbreitung und Nutzerfreundlichkeit des Angebots öffnen.“ Bisher seien die Technologien noch weit davon entfernt, als etabliert gelten zu können (siehe Grafik). Es zeichne sich aber ab, dass sie künftig eine größere Rolle spielen werden.

Banken machen mit

In allen relevanten Branchen, IT, Telekommunikation, Finanzen und Handel, rüsten die Unternehmen jetzt auf. Auf Anfrage erklärte sich zum Beispiel der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) bereit, im Bereich Mobile Payment eine tragende Rolle zu übernehmen. Die Sparkassen hätten sich bereits vor Jahren für die Nahfeldkommunikation entschieden. girogo sei in mehr als 38 Millionen SparkassenCards freigeschaltet. Und die jüngste Mehrheitsübernahme von Pay-One, einer Vertriebsoberfläche für diverse Bezahlsysteme, „ist ein wichtiger strategischer Baustein, um elektronische Bezahlsysteme an den Händler zu bringen“, betont ein DSGV-Sprecher. Die Volks- und Raiffeisenbanken wiederum kündigten auf Anfrage für dieses Jahr einen weiteren NFC-Pilotversuch auf Basis der girocard an.

Beim Mobile Couponing werden Rabatte automatisch verrechnet. 

Edeka-Verbund prescht vor

Im Handel haben die ersten mobilen Bezahlsysteme bereits Einzug gehalten. Vor genau zwei Jahren ist der Edeka-Verbund vorgeprescht. Bei allen Netto-Filialen sowie in rund 300 Edeka-Läden können die Kunden ihren Einkauf mobil begleichen. Bei Netto geht das neuerdings sogar per ­Fingerabdruck mit dem iPhone. Dabei arbeitet Netto mit Postpay, dem Bezahldienst der Deutschen Post, zusammen. Zur Registrierung muss der Nutzer in der App Name, Adresse und Bankverbindung hinterlegen. Anschließend verschickt Postpay zwei PIN´s –   eine aufs Handy des App-Nutzers, die andere auf sein Konto. Sind beide Nummern in der App gespeichert, ist die Registrierung erfolgt. Ein Pluspunkt: Rabatte werden automatisch verrechnet. Für den Bezahlvorgang wählt der Nutzer die App-Funktion „Coupons einlösen & bezahlen“. Dann wählt er seine Favoriten-Filiale aus. Im Display erscheint eine Nutzer-ID, die via Online-Zugang für den Vorgang generiert wird. Diese Nummer teilt der Netto-Kunde der Person an der Kasse mit. Nach Eingabe der Nutzer-ID in die Kasse ist der Bezahlvorgang beendet. Gutscheine und Rabatte werden automatisch berücksichtigt. Als Service erscheint in der App der Kassenbon. „Einfach, schnell und sicher“, so wirbt Netto für sein System. Ähnlich ist das Verfahren bei den Edeka-Läden. Auch in der Edeka-App werden Name, Adresse und Kontodaten gespeichert. Statt einer speziell generierten Nutzer-ID wird beim Bezahlen eine PIN benötigt. Nur der Nutzer kennt sie. Im Display erscheint ein Barcode, den der Kassierer einliest. Und schon ist der Einkauf bezahlt. Das Geld wird vom Konto des Kunden abgebucht; Coupons dabei berücksichtigt. Der verwendete Barcode verfällt mit dem Bezahlvorgang.

Legitimieren per Foto

Während der Lebensmittelhandel bisher überwiegend auf ID und QR-Code setzt, breiten sich im Non-Food-Bereich andere Technologien aus. Insbesondere die Inhaber von Boutiquen und Shops rüsten jeweils ihr Smartphone oder Tablet-PC zunehmend mit einer App und einem kleinen Zusatzgerät auf. Letzteres liest dann die Kredit- oder Debitkarte des Kunden aus. Anbieter wie SumUp oder Payleven machen das Smartphone zur Kasse (mobile point of sale, mPOS). 

Vielseitige Beacons

Ohne Karte funktionieren diverse Varianten von PayPal, die bei Restaurants und Cafés im Trend liegen. Sind zum Beispiel Adresse, Bankdaten und eine Art Passfoto im Smartphone hinterlegt, genügt es, wenn beim Bezahlen das Foto dem Kassierer gezeigt wird. Das Foto des Kunden erscheint im Kassendisplay. Der Bildabgleich dient der Legitimation. Derweil experimentieren einige große Einkaufscenter mit sogenannten Beacons. Das sind kleine Knopfsensoren auf Basis der Bluetoothtechnologie. Die Reichweite beträgt gut zehn Meter. Mit dieser Technologie können Kunden interaktiv durch das Einkaufs­center navigieren. Kommt der Kunde in die Reichweite des Senders, erscheint auf dem Smartphone-Bildschirm z. B.: „Hallo Klaus, schön, dass du da bist. Im Shop XY ist die Hose, nach der du gesucht hast.“ Durch Berühren des Shop-Namens wird auf dem Display der Weg dorthin angezeigt. Die Ortskarte wird bei Erreichen eines weiteren Beacons aktualisiert. Auch lassen sich bei Betreten des Ladens ort- und situationsbezogene Angebote platzieren oder personalisierte Coupons zustellen. All das hat einen konkreten Mehrwert für den Kunden. Nur, wie sicher sind diese Technologien?  

Sicherheit hat Priorität 

Die meisten Mobile Payment-Verfahren sind sicher. ID und QR-Code werden einmalig generiert und verfallen beim Bezahlen bzw. binnen fünf Minuten bei Nichtnutzung. Und beim Nahfeldfunk erfolgt der Datenabtausch so nah und schnell, dass ein Ausspionieren praktisch ausgeschlossen ist. Ohnehin erfolgt die Übertragung verschlüsselt. Diese technische Sicherheit  steht in krassem Widerspruch zu den Bedenken vieler Verbraucher. Laut der Umfrage von KPMG und IFH Köln ist für 69 Prozent der Konsumenten die Bezahlung via Handy „generell zu unsicher“. Dazu Kai Hudertz, Geschäftsführer des IFH Köln: „Anbieter müssen (…) diese Sicherheit so kommunizieren, dass echtes Vertrauen entsteht.“ Das würde sich lohnen. Denn die Mehrheit der Konsumenten beurteilt Händler, die mobiles Bezahlen anbieten, als innovativ und kundenfreundlich. „Ein Verzicht darauf bringt ein Umsatzverlustrisiko, da Neukunden bzw. Mehrgeschäft ausgeschlossen werden“, ergänzt Mark Sievers, KPMG.

Mehrwert dank Mobile Wallet

Ein spannendes Werkzeug, um Mehrgeschäft zu erzielen, ist Mobile Wallet. Bei dieser Smartphone-Anwendung auf NFC-Basis werden neben Bezahlfunktionen weitere Dienste integriert. Hinterlegbar sind Tickets, Coupons, Kundenkarten, Leergutbons usw. – wie bei einer realen Geldbörse. Auch der digitale Personalausweis könnte eines Tages ein Bestandteil sein. Mit der Bündelung verschiedener Dienste schafft die Mobile Wallet Mehrwerte gegenüber der reinen Mobile Payment-Transaktion. Dadurch steigt auch die Bereitschaft, überhaupt Bezahlvorgänge mit dem Smartphone vorzunehmen. Alle Mobilfunknetzbetreiber verfügen über Mobile Wallet-Lösungen. Beispiele sind SmartPass von Vodafone, MyWallet von der Deutschen Telekom und BASE-Wallet von Telefónica Deutschland. Neben der Bezahlfunktion haben alle Apps Dienste wie Mobile Couponing und Loyalty im Angebot. Jetzt nachgezogen ist Apple mit der Passbook-App. Das dürfte dem Thema noch mehr Schwung verleihen.

Dem Kunden gehören die Daten

Bleiben noch die Bedenken etlicher Verbraucher, dass sie – je nach Bezahlverfahren – mehr Daten über sich preisgeben, als ihnen lieb ist. Bei der Bezahlung mit Bargeld ist die Lage klar: Der Kunde hinterlässt nichts Persönliches. Bei einer Kartenzahlung erfährt ein Händler nur, was in welchen Mengen gekauft wurde; wer den Einkauf getätigt hat, bleibt verborgen. Dies gilt auch für etliche Bezahlvorgänge mithilfe einer App auf dem Smartphone. Nur bei einigen Händler-Apps wie zum Beispiel denjenigen von EDEKA und Netto erfährt der Händler durch die vorherige Registrierung auch, wer den Einkauf getätigt hat. Die Wallets der Mobilfunknetzbetreiber erhalten keinerlei Informationen über Kundenkartendaten – weder über den Einkaufswert noch über die gekauften Artikel.

Sicher wie im Schließfach

Bei Lösungen von Mobilfunkanbietern bleiben die für eine Bezahlung benötigten Daten verschlüsselt im sogenannten Secure-Element. Dieses Sicherheitselement befindet sich in der SIM-Karte des Mobilfunkanbieters, auf der die sensiblen Daten abgelegt werden. Ein Mobilfunkanbieter hat aber keinen Zugriff auf diese Daten. Das Secure-Element ist vergleichbar mit dem Schließfach, zu dem nur der Kartenherausgeber, also die kartenherausgebende Bank, Zugang hat. Statt in der SIM-Karte kann das Sicherheitselement auch direkt im Handy verbaut sein. In diesem Fall liegt die Datenhoheit beim Gerätehersteller wie zum Beispiel Apple oder Samsung.  

Industrie und Handel müssen sich mit Mobile Payment in all seinen Facetten beschäftigen. Welche Technologie sich durchsetzt, ist unklar. Nicht zuletzt weil Apple sich auf NFC festgelegt hat, könnte der Nahfeldfunk am schnellsten eine hohe Marktabdeckung fürs Bezahlen am Verkaufsort erlangen. Das wiederum dürfte dem Wunsch der meisten Konsumenten entsprechen: eine einfache Lösung, die überall und für alles eingesetzt werden kann. In Zukunft zahlen wir mit unserem Smartphone oder Watch, Wearables oder sonstigem mobilen Datenverarbeitungs- und übertragungsgerät. Jedenfalls zahlen wir mobil. 

Alles „Mobile“ oder was? Unterschiedliche Mobile Services schnell erklärt:

Mobile Banking 

Bankkunden können standort- und zeit­unabhängig mittels eines mobilen Endgeräts Finanzdienstleistungen ausführen oder wahrnehmen.

Mobile Wallet

Eine mobile Geldbörse ist eine App, die z. B. über ein Smartphone gesteuert wird. In der mobilen Geldbörse können verschiedene digitale Karten hinterlegt werden. 

Mobile Couponing 

Kunden erhalten Coupons, also z. B. einen Rabattgutschein, auf ihre mobilen Endgeräte. Dort wird der Coupon gespeichert und/oder direkt bzw. später eingelöst. Aufgrund der technischen Möglichkeiten sind Coupons zunehmend personalisiert.

Mobile Loyalty 

Kunden können zum Beispiel nach einem Einkauf elektronische Treuepunkte sammeln und diese nach dem Erreichen einer bestimmten Punkteanzahl direkt beim Händler in Gratisprodukte oder Rabattcoupons umwandeln. Auch hier sind personalisierte Angebote möglich.

Mobile Payment 

Der Begriff bezeichnet einen konkreten Zahlungsvorgang, der, zumindest ausgehend von einem mobilen Endgerät, initiiert, durchgeführt oder bestätigt wird.

Foto: CCV Deutschland GmbH
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